Camp Nimm! +++ Session-Doku 3 +++ Birgitt Nehring, André Naujoks: Inklusive Medienarbeit mit jungen Geflüchteten

Teilnehmende der Session Inklusive Medienarbeit für junge GeflüchteteBirgitt Nehring und André Naujoks von barrierefrei kommunizieren! in Bonn berichteten in dieser Session von ihren Medienprojekten mit jungen Geflüchteten, um sich mit anderen Akteuren auszutauschen, welche Erfahrungen sie mit dieser Zielgruppe gemacht haben.

Inklusiver Computertreff und Medienprojektwoche für junge Geflüchtete – Projekte von barrierefrei kommunizieren! in Bonn

Birgitt Nehring berichtete zunächst vom inklusiven Computertreff, der seit zwei Jahren einmal wöchentlich bei barrierefrei kommunizieren! in der Bonn-Beueler Tapeten-Fabrik stattfindet. Junge Geflüchtete sowie Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung aus dem Viertel treffen sich hier, um zu spielen und im Internet zu surfen. Sie erhalten Hilfe bei allen Fragen rund um Computer und Internet und Unterstützung, z. B. bei Office-Programmen. 2016 wurde erstmals die Digital-dabei!-Medienprojektwoche für junge Geflüchtete durchgeführt. Da fast alle der neun Teilnehmenden nur sehr geringe Computerkenntnisse hatten, wurde unter dem Motto „Ich erzähle meine Geschichte“ ein kreatives und zugleich sehr niedrigschwelliges Fotoprojekt durchgeführt: Die Jugendlichen erstellten „Augen“-Fotos (z. B. indem Papp-Augen auf Müllcontainer, Fahrräder, Autospiegel geklebt wurden), bastelten fantasievolle Masken, schossen Selfies und eigneten sich beim Übertragen, Ordnen und Bearbeiten der Fotos auf die Rechner Computerkenntnisse an. 2017 wurde die Medienprojektwoche Digital dabei 2.0 wiederholt, wieder nahmen acht Jugendliche aus Syrien und Afghanistan teil, einige waren bereits bei der ersten Projektwoche dabei. Dieses Mal wurden die Inhalte der Medienwoche erweitert um die Vermittlung von Kenntnissen rund um Word und Powerpoint, da diese Programme in der Schule, zum Beispiel für Hausarbeiten und Vortragsvorbereitung genutzt werden müssen, die Jugendlichen häufig keine Erfahrungen damit haben und im Elternhaus oft kein Computer verfügbar ist. Beide Digital-Dabei-Projekte wurden in Kooperation mit der LAG Lokale Medienarbeit NRW e.V. durchgeführt und gefördert vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.

Um sich mit den Session-Teilnehmenden über ihre Erfahrungen auszutauschen, haben Birgitt und André Fragen vorbereitet:

1. Wie habt ihr die Akquise gemacht und die Teilnehmenden erreicht?

Harald Richter, Stadt Köln/ Moviecrew Cologne macht Radioprojekte mit alten und neuen Kölnern. Für die Projekt-Akquise wurden zunächst – mit geringer Resonanz – Multiplikatoren angeschrieben und dann Kontakt zu Jugendzentren aufgenommen, wo Jugendliche mit Fluchthintergrund bereits präsent sind. Als weitere gute Akquisemöglichkeiten wurden gemeinsam Schulen, Flüchtlingszentren, Lehrer/innen und Betreuende von Flüchtlingsfamilien identifiziert. barrierefrei kommunizieren! hat guten Kontakt zur Stadt Bonn, die einen guten Verteiler haben und diesen über neue Projekte informieren. Generell ist es besser, jemanden für die direkte Vermittlung zu haben: Pressemitteilungen sagen vielen nichts und mit dem Namen (barrierefrei) können auch viele nichts anfangen. Noch besser ist es, wenn jemand den Kontakt vermitteln kann, der oder die zum Beispiel auch arabisch oder kurdisch spricht. Um die kontinuierliche Teilnahme der Jugendlichen, gerade in den Ferien, zu erreichen, empfiehlt es sich generell, eher später (10.00/ 11.00 Uhr) zu beginnen. :-)

2. Welche Themen könnten interessant sein?

Harald Richter gibt zu bedenken, dass Teilnehmende evtl. durch Fluchterfahrungen traumatisiert sein könnten. Daher wäre er sehr vorsichtig mit Themenvorgaben à la „Ich erzähle meine Geschichte“. Die Bonner werfen ein, das damit nicht gemeint ist, dass die Kinder ihre Fluchtgeschichte erzählen sollen, sondern eine beliebige, für sie interessante Geschichte. Wenn die Kinder, wie im Beispiel eines Nimm!-on-Tour-Jugendworkshops aus 2016 zum Thema „Vielfalt und Toleranz“ mit Lego- und Playmo-Figuren einen Comic produzieren, der sich mit Ankunftserfahrungen im neuen Land beschäftigt („In der Fremde nicht allein“), dann war das allein ihre Idee. Eine Session-Teilnehmende nennt Theaterprojekte eine tolle Möglichkeit, um Fluchterfahrungen zu verarbeiten (z. B. Aufführung bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen). Außerdem berichtet sie von Filmprojekten, die ganz einfache Alltagsthemen aufgreifen, die für Menschen, die neu im Land sind, aber hochrelevant sind, zum Beispiel Mülltrennung oder Körpersprache.

3. Wie viele Erfahrungen haben junge Geflüchtete mit Computer, Internet und der deutschen Sprache?

André Naujoks greift das Stichwort „Alltagsthemen“ auf: Laut seinen Erfahrungen verfügen junge Geflüchtete häufig über sehr wenige Erfahrungen mit „klassischen“ digitalen Medien wie dem Computer. Daher sei es für diese Zielgruppe hochrelevant, in „geschütztem“ Rahmen unter sich schul- und arbeitsrelevante Themen wie dem Umgang mit dem Computer – was schon bei der Nutzung einer Computer-Maus losgeht – und die Nutzung „klassischer“ Office-Programme wie Word und Powerpoint anzueignen. In diesem Zusammenhang gewinnt die Sprach-Frage an Relevanz, da „technische Fachbegriffe“ eher nicht zum Grundwortschatz Deutsch gehören, den viele Kinder und Jugendliche schon nach relativ kurzer Zeit beherrschen. Er nennt als Hilfsmittel eine Computertastatur, die man auf Arabisch umstellen kann und Google Übersetzer. Außerdem profitierte das Projekt sehr von einem syrischen Gemeinwohlmitarbeiter, der arabisch und kurdisch sprach. Nach den Erfahrungen von André und Birgitt sind die Kinder und Jugendlichen aber oft sehr motiviert, neue Fachbegriffe zu lernen. André und Birgitt haben mit den Projektteilnehmenden des 2. Digital-Dabei-Projekts auch verabredet, dass im Projekt nur deutsch gesprochen wird. Die Teilnehmenden hatten sich im Vergleich zum ersten Projekt sprachlich schon sehr verbessert und konnten sich so weiter verbessern. Ein Session-Teilnehmender berichtet, von einem sehr sprach-diversem Projekt, bei dem den Teilnehmenden gar nichts anders übrig blieb als deutsch zu reden, da es sonst keine weitere gemeinsame Sprache gab. Die Sprache müsse ja auch nicht perfekt sein. Harald Richter meinte, in Bezug auf seine Radio-Projekte, es müsse nicht alles glattgeschliffen sein, man könne ruhig hören, dass es Geflüchtete sind – eine Aussage, die von anderen Session-Teilnehmenden kritisiert wird. Die Intention dahinter aber sei, dass unsere Toleranz für Vielfalt und „Abweichungen von der Norm“ gestärkt wird, wenn wir diese öffentlich stärker wahrnehmen. Eben zum Beispiel, indem Geflüchtete oder Menschen mit Behinderung mit nicht perfekter Sprache Radioprojekte machen.

4. Publikumsfrage: Sind solche Projekte inklusiv? Exklusiv? Integrativ? Was für Herausforderungen gibt es?

André Naujoks hält es für besser, wenn die Gruppe anfangs bzw. bei kurzen Projekten „unter sich“ ist, da sie alle mit ähnlichen Problemen und Herausforderungen zu kämpfen haben. Auch „exklusive“ Angebote – wie z. B. auch Mädchentage! – sind unter bestimmten Bedingungen sehr sinnvoll, um bestimmte Zielgruppen zu stärken. Bei dem regelmäßig stattfindenden inklusiven Computertreff kommen aber mittlerweile auch Jugendliche aus dem Viertel, die dann die geflüchteten Jugendlichen unterstützen, ihnen Dinge zeigen, sie mitnehmen. Dies würde seiner Meinung nach aber Zeit brauchen, um sich entwickeln zu können. Aus einer anderen Einrichtung sind ihm auch negative Erfahrungen bekannt, wo es zu Konflikten kam, da eine Gruppe geflüchteter Jugendlicher einfach so in bestehende Gruppenstrukturen „hineingeschmissen“ wurde.

5. Fazit und Feedbacks zu den Projekten?

Dazu gab es unterschiedliche Meinungen: In einem Projekt in einer Schule fanden die geflüchteten Jugendlichen es schwer in Kontakt zu anderen zu kommen, auch hier wurde der Kontakt untereinander teilweise bevorzugt. Harald Richter berichtet, dass die Radioprojekt-Teilnehmenden sehr gute Erfahrungen aus dem Projekt mitgenommen haben: Mit dem Mikrofon in der Hand werden sie „ernster“ und überhaupt erst wahrgenommen, zudem ist die Kölner Altstadt ein wertiges Projektumfeld. Birgitt Nehring findet es wichtig, dass die Teilnehmenden aus dem Projekt etwas mitnehmen können – seien es tolle Fotos, selbst erstellte Gutscheine oder Zertifikate, um gegenüber Lehrern oder Ausbildern etwas nachweisen zu können. Auch die Veröffentlichung der Produkte bzw. die Ausstrahlung der Sendung ist wichtig. Das Wichtigste aber sei wie immer, dass das Projekt Spaß macht und nichts mit der Schule zu tun hat. Auch gutes Essen ist wichtig. :-)

Bundesweite Projektideen für die Medienarbeit mit jungen Geflüchteten findet man auf dem GMK-Blog Medienpraxis mit Geflüchteten!

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