Camp Nimm! +++ Session-Doku 2 +++ Cinderella Glücklich: Inklusive Medienarbeit und Einführung ins Campaigning

Cinderella Glücklich während ihrer Camp-Nimm Session Inklusive Medienarbeit und Einführung in das inklusive Campaigning

 

 

 

 

 

 

 

 

In den Session-Doku-Beiträgen kann man die Camp-Nimm-Sessions nachlesen. Cinderella Glücklich ist Beraterin und Journalistin bei der matrix GmbH und Referentin des Projektes leidmedien.de. In ihrer Session bot Cinderella Glücklich anhand zahlreicher Projekte des Trägervereins Sozialhelden e.V. einen Überblick über das inklusive Campaigning:

Wie kann man digitale und soziale Medien nutzen, um auf die Belange und Bedarfe behinderter Menschen aufmerksam zu machen und Verbesserungen zu erreichen? Ganz offensichtlich ist dieser Effekt bei der bekannten und mittlerweile sehr großen Online-Karte Wheelmap: Jeder Mensch kann hier Orte auf (Nicht- oder Teil-) Barrierefreiheit markieren. Menschen im Rollstuhl erhalten so nützliche Infos für die Planung des täglichen Lebens. Wheelmap wird z. B. bei sogenannten Mapping-Aktionen eingesetzt, Menschen mit und ohne Einschränkung sind dabei unterwegs, werden zeitgleich sensibilisiert und tun etwas für Barrierefreiheit.

Von der Integration zur Inklusion. Vom medizinischem Modell zum sozialen Modell von Behinderung

Um inklusives Campaigning wirklich zu verstehen, müsse man sich bewusst sein, welcher Paradigmenwechsel im Blick auf Behinderung damit einhergeht. In einer inklusiven Gesellschaft sind Menschen mit Behinderung nicht nur irgendwie mit dabei, sondern selbstverständlicher Teil einer vielfältigen Gesellschaft. „Behinderung“ ist dabei nur ein Vielfaltsmerkmal, neben anderen wie Geschlecht, Alter, sozialer Hintergrund, sexueller Orientierung… Dem liegt ein gewandeltes Verständnis von Behinderung zugrunde: „Behinderung“ ist nicht mehr primär das Problem eines Einzelnen, die (krankhafte) Abweichung von einer „Norm“ (medizinisches Modell von Behinderung), sondern entsteht auch und vor allem dadurch, wie eine Gesellschaft gestaltet ist (soziales Modell von Behinderung). Dieses Verständnis drückt sich im Spruch „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert.“ aus.

Cinderella Glücklich zeigt als Beispiel drei Abbildungen von Menschen im Rollstuhl in verschiedenen Kontexten, die ganz unterschiedliche „Bilder in den Köpfen“ entstehen lassen: Zum Beispiel der behinderte Mensch, der betreut, gepflegt oder medizinisch behandelt werden muss. Der (überdimensioniert in Unterperspektive in den Vordergrund gerückte) “Rollstuhl” als Symbol für eine eher negative Darstellung und Wahrnehmung eines inklusiven Bildungssystems. Oder aber der Rollstuhl, der nur ein Mobilitäts-Accessoire unter anderen (wie z. B. Fahrräder) ist und dessen Nutzende selbstbestimmte Großstadtbewohner sind.

Sprache und Bilder

Aus dieser Erkenntnis heraus – dass der Darstellung von Behinderung in Wort und Bild in den Medien große Bedeutung beikommt, um eine inklusive Gesellschaft, eine inklusive Öffentlichkeit voran zu bringen – wurde z. B. Leidmedien.de von den Sozialhelden initiiert. Das Projekt betreibt zum einen Medienkritik, in dem z. B. negative und positive Beispiele von medialen Darstellungen von Behinderung gezeigt, begründet und kommentiert werden. Gleichzeitig berät das Projekt Medienschaffende, z. B. indem Formulierungsalternativen aufgezeigt werden, um einen Perspektivwechsel in der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung zu erreichen. Als Beispiel zeigt Cinderella Glücklich ein Zeitungsinterview mit dem Schauspieler Peter Radtke, dessen Überschrift und Kernaussage „Ich leide nicht!“ durch den Teaser konterkariert wird, in dem die immer noch übliche Floskel „leidet an Glasknochen…“ verwendet wird. Hier würde sich als Formulierungsalternative „lebt mit Glasknochen“ anbieten.

Auch häufig zu finden in den Medien – neben der Dramatisierung der und die Reduzierung auf die Behinderung – ist die Hervorhebung von Alltäglichem als „Leistung“ und von Lebensfreude, „trotz“ einer Behinderung. Als positives Gegenbeispiel zeigt Cinderella Glücklich ein Porträt über das Musikerinnenduo blind&lame, in dem die Musik und nicht die Behinderung im Vordergrund steht. Ein positives Bildbeispiel für das Thema Inklusion in der Schule wäre das lernende Kind mit Behinderung inmitten der Klasse. Beispiele wie dieses findet man auf der Fotodatenbank Gesellschaftsbilder.de, hier findet man gegen Urhebernennung und für nicht-kommerzielle Nutzung kostenfrei professionelle Bilder rund um Inklusions-Themen.

Cinderella Glücklich betont, dass es wichtig ist, Akteure auf nicht-angemessenen Sprachgebrauch hinzuweisen, dabei aber freundlich zu bleiben. Oft stünde dahinter keine böse Absicht, sondern er ist bedingt durch mangelnde Erfahrungen mit Menschen mit Behinderungen. Zu „aggressives“ Agieren kann abschreckend wirken und gegenteilige Effekte haben. Ein Selbst-Check hilft, um herauszufinden, ob eine bestimmte Darstellung angemessen ist, um einen Sachverhalt zu illustrieren: Will ich selbst so dargestellt werden? Wie kann man Klischees umgehen – zum Beispiel durch eine aktive, statt passive Darstellung? Wie kann ich Vielfalt mit wenigen Mitteln abbilden?

Cinderella Glücklich verdeutlicht, dass auch andere Gruppen und Minderheiten von dem gleichen Mechanismus betroffen sind, z. B. Menschen mit Fluchterfahrungen oder Menschen aus Armuts- und Kriegsregionen. Sie zeigt verdeutlichend ein Bild von Prinzessin Diana in Charity-Pose – die reiche weiße Frau, die dem armen schwarzen Kind hilft. Und ein dramatisierendes Bild eines braun- und kulleräugigen Kindes mit Waffe vor grau-tristem Wüstenhintergrund im Vergleich zu einem Bild, auf dem schwarze Menschen in einer Verhandlungssituation an einem runden Tisch als „politische Akteure auf Augenhöhe“ abgebildet sind. Sie weist auf das Projekt Re:Speech hin, ein Medienprojekt der Medizinischen Flüchtlinghilfe Bochum e. V., das gegründet wurde um geflüchteten Menschen eine Stimme zu geben.

Barrierefreiheit

Auch Barrierefreiheit ist natürlich ein wichtiger Aspekt, damit alle Menschen medial teilhaben können. Hier spielen vor allem Dinge eine wichtige Rolle, die man/ frau als Online-Redakteur selbst in der Hand hat: Dinge kürzer und einfacher formulieren. Eine Zusammenfassung in Leichter Sprache anbieten. Überschriften als solche formatieren, damit blinde Screenreader-Nutzende durch Inhalte navigieren können. Untertitel für Videos einbinden. Bilder mit Alternativ-Texten beschreiben (z. B. in WordPress, aber auch bei Twitter) Oft hört man zwar, dass Barrierefreiheit am Budget scheitet, viel ist aber auch Einstellungssache und einiges lässt sich auch mit knappen Zeit-Ressourcen umsetzen, z. B. indem man für die Untertitelung auf die automatischen Untertitel von YouTube zurückgreift und diese nachkorrigiert. Barrierefreiheit betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern ist auch für Nicht-Deutsch-Muttersprachler wichtig. Oder für die vielen Menschen, die Videos ohne Ton nutzen.

Die inklusive Kampagne

Cinderella Glücklich nennt drei Beispiele für öffentlichkeitswirksame inklusive Kampagnen:

Die Kampagne Nichtmeingesetz.de des Vereins AbilityWatch setzte sich vor der Verabschiedung des Bundesteilhabegesetzes für ein Teilhabegesetz im Sinne der Bedarfe von Menschen mit Behinderung auf selbstbestimmte Lebensführung ein. Neben Online-Petitionen und vielen Social-Media-Aktionen wurden sehr medienwirksame Aktionen durchgeführt. Menschen mit Behinderung sperrten sich beispielsweise am Berliner Hauptbahnhof in einem Käfig bzw. ketteten sich über Nacht am Reichstagsufer an, um auf mögliche Konsequenzen des neuen Teilhabegesetzes wie Zwangs-Heimeinweisungen hinzuweisen.

Ein weiteres Beispiel für eine inklusive Kampagne ist der #barrierefreiTag der Aktion Mensch. Bekannte YouTuber vloggen zusammen mit Menschen mit Behinderung, z. B. in Make-Up-Tutorials oder beim Austausch über Reise- und Lebenserfahrungen. Durch die Reichweite der YouTuber werden viele, vor allem junge Menschen erreicht.

Vor den Paralympics in Rio 2016 kam ein neuer Superhuman-Spot einer britischen Werbe-Agentur heraus, der zwar aufgrund des Spielens mit dem „Menschen mit Behinderung überwinden mit übermenschlichen Kräften ihre Behinderung“-Klischees umstritten ist, aber letztlich gut ankommt, weil das Thema auf eine witzige Ebene gehoben wird.

Fragen an Cinderella Glücklich? Gerne antwittern! #HappyZwitschert

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Ein Kommentar zu “Camp Nimm! +++ Session-Doku 2 +++ Cinderella Glücklich: Inklusive Medienarbeit und Einführung ins Campaigning”

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