Einfach mal träumen?! – Über Inklusion, Radioprojekte, Wünsche und Träume. Ein Gastbeitrag von Maria Hoschke

Teilnehmer/innen des inklusiven Radioprojekts "Einfach mal träumen..."

Vor Beginn meiner Projektidee beschäftigte ich mich viel mit dem Thema personenzentrierte Hilfen und stieß dabei auf eine interessante Aussage: Menschen mit Behinderung möchten in ihren Wünschen und Träumen ernst genommen und bestärkt werden. Dies ist natürlich nicht wirklich “neu” oder gar auf Menschen mit Behinderung beschränkt, aber dieses Mal brachte mich die Aussage zum Nachdenken. Ich bemerkte, beim Träumen und Wünschen gibt es keine zu erfüllenden Anforderungen, kein “Richtig” oder “Falsch”. Jeder kann es, jeder tut es. Ich blickte auf meine Kindheit und Jugend zurück und dachte, wie wichtig es für mich war, dass meine Familie und meine Freunde mich in meinen Wünschen und Träumen bestärkten. Damit brachten sie mir Vertrauen entgegen, ich hatte die Chance meine ganz persönlichen Lebenserfahrungen zu machen und daran zu wachsen.

Ich fragte mich, wie wohl eine Welt aussehen könnte, in der sich alle Menschen so annehmen und akzeptieren, wie sie sind. Wie wäre es wohl, wenn jeder Mensch die Möglichkeit hätte, seine Fähigkeiten zu entdecken und diese nach seinem Ermessen einzubringen? Und wie würde das Miteinander aussehen, wenn Menschen urteilsfreier aufeinander zugehen? Inklusion ist ein Wunsch unserer Gesellschaft. Wir alle haben den Traum, dass wir unseren Platz finden, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Behinderung oder Schulbildung. Doch was können wir tun, damit persönliche, aber auch gesellschaftliche Wünsche in Erfüllung gehen können? Da fielen mir die Reden von Martin Luther King ein, die er in den 60er Jahren in Amerika hielt und die auch noch heute viele Menschen zum Nachdenken anregen. Er sprach davon, dass es beim Einstehen für unsere Visionen auf unsere Haltung und unseren Willen ankommt. Oder wie Mahatma Gandhi sagte: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Diese Gedanken und Überlegungen ließen die Ideen zu meinem Projekt wachsen und ich danke allen Personen, die mir bei diesem Findungsprozess geholfen haben. Ein Dankeschön auch an die Lebenshilfe Eisenach, die mir für meine Arbeit das nötige Vertrauen schenkt.

Eine inklusive Begegnung und die Reifung einer Zusammenarbeit

Teilnehmer/innen des inklusiven Radioprojekts "Einfach mal träumen"Das Wartburg Radio Eisenach 96,5 (UKW), mein Moderationskollege Stefan Redetzke und ich, Maria Hoschke von der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung in der Stadt Eisenach und im Wartburgkreis e. V., arbeiten seit Januar 2013 an einem inklusiven Radioprojekt. Unsere Radiosendung heißt „Aktiv inklusiv, gemeinsam und verständlich Barrieren abbauen“. Ziel ist, über Behinderung und Inklusion in unseren Sendungen zu informieren und zu sensibilisieren. Barrieren auf der zwischenmenschlichen Ebene aufzudecken und abzubauen und uns aktiv dafür einzusetzen, dass Menschen mit und ohne Behinderung offener und urteilsfreier auf einander zu gehen können.

Dabei wollen Stefan Redetzke (selbst Rollstuhlfahrer) und ich nicht nur einen informativen Beitrag in unseren Sendungen leisten, sondern auch eigene Erfahrungen und Gefühle zu diesem Thema einbringen. Wir möchten den Zuhörern und Zuhörerinnen zeigen, dass jede/r zu einer gleichberechtigten Gesellschaft beitragen kann. Wir können aus eigenen Erfahrungen, aber auch durch Befragungen von anderen Personen sagen, dass eine wertschätzende und achtsame Haltung gegenüber Menschen auf diesem Weg sehr wichtig und hilfreich ist. Durch diese Haltung können Vorurteile oder andere zwischenmenschliche Barrieren leichter aufgelöst werden. Wir glauben, dass es den meisten Menschen, uns eingeschlossen, sehr gut tut, wertgeschätzt zu werden und dass es sehr erfüllend ist, wenn Begegnungen mit Menschen von Achtsamkeit und Mitgefühl geprägt sind.

Wir meinen, dass die Umsetzung von Inklusion alle Menschen betrifft und nicht nur etwas mit Menschen mit einem Handicap zu tun hat. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit erhalten, sich gleichberechtigt und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, Herkunft, Geschlecht, Alter oder Behinderung in die Gesellschaft einbringen zu können. Es geht uns nicht darum andere zu belehren oder die Welt zu retten. Wir wollen Menschen mit und ohne Behinderung auf unser Thema aufmerksam machen und ihnen in unseren Projekten die Möglichkeit geben einander zu begegnen. Dabei ist es uns besonders wichtig, selbst die Erfahrung zu machen, zu lernen, wie man zwischenmenschliche Barrieren abbauen kann. Wir wollen selbst die Veränderung sein, die wir uns für diese Welt wünschen.

Ein Workshop zum Thema Träumen

Teilnehmer/innen des inklusiven Radioprojekts "Einfach mal träumen"Begonnen hat das Projekt „Einfach mal träumen!?“ mit dem Verteilen von kleinen Plakaten und Flyern, um Interessent/inn/en zu gewinnen. Bei der Vorbereitung und Durchführung der Projekttage erhielt ich Unterstützung von Franziska Klemm, Medienpädagogin des Wartburg Radio 96,5. Am ersten Projekttag freuten wir uns über 6 Teilnehmer/innen. Der Workshop fand an 4 Nachmittagen statt, in denen wir uns zuerst kennen lernten und über unsere ganz persönlichen Wünsche und Träume sprachen. Bildkarten mit den verschiedensten Träumen und Wünschen halfen den Teilnehmern/innen, sich über ihre ganz persönlichen Träume Gedanken zu machen und sich so einander vorzustellen. In Zweiergruppen sprachen sie dann über ihre Kindheitswünsche, ob diese in Erfüllung gegangen sind oder heute noch eine Bedeutung für sie haben. Zum Schluss des ersten Projekttages trugen wir die unterschiedlichsten Gedanken zum Thema Träume/ Wünsche sowie deren Bedeutung und Wichtigkeit im Alltag zusammen.

Am ersten Workshop-Nachmittag spürten alle Teilnehmer/innen eine schnell wachsende Vertrautheit. Sie waren sehr offen für die gegenseitigen Erfahrungen und Vorstellungen und konnten sich gut aufeinander einstimmen. Ich war sehr berührt von der positiven und wertschätzenden Stimmung der Gruppe. Natürlich prallten auch sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander, aber trotzdem überwog die Akzeptanz unter den Teilnehmenden.

Am dritten Workshop-Nachmittag trafen wir uns, um über den Aufbau unserer Radiosendung nachzudenken. Allen Teilnehmern/innen war es wichtig, ihren Beitrag in die Sendung einzubringen. Jeder wollte seine ganz persönliche Sichtweise und sein Feedback mit den Zuhörern teilen. Das Radio ist für Menschen mit und ohne Behinderung ein gutes Medium um sich mitzuteilen und auf eine kreative Art Themen zu behandeln. Das Wartburg Radio bietet hierbei eine gute Unterstützung und Begleitung durch erfahrene Mitarbeiter/innen. Um eine Sendung zu produzieren muss man keine Vorkenntnisse oder besonderen Fähigkeiten mitbringen, trotzdem ist ein schnelles Erfolgserlebnis sowie eine ganz neue Erfahrung möglich (z. B. sich selbst sprechen zu hören). Außerdem kann man ein breites Publikum erreichen und andere an einem Thema teilhaben lassen. Für den Zuhörer spielen dabei Handicaps keine Rolle.

Die Teilnehmer/innen wollten die Zeit bis zum nächsten Treffen nutzen und sich zu Hause über den Inhalt und die Art ihres Beitrages Gedanken machen. Einige der Teilnehmenden brachte das Thema sehr zum Nachdenken. Ihnen war es wichtig ihre Gedanken, Gefühle und das Erlebte noch einmal wirken zu lassen. Am letzten Projekttag stellten wir unsere vorbereiteten Beiträge erst einmal in der Gruppe vor. Die Teilnehmer/innen hatten ihre Gedanken in den unterschiedlichsten Formen zum Ausdruck gebracht, z. B. in einem Gedicht, einem Brief, ein persönliches Feedback, ein freigesprochener Beitrag usw. Die Teilnehmer/innen setzten sich ins Aufnahmestudio, um ihre Beiträge einzusprechen und ihren Musikwunsch zu äußern. Franziska Klemm vom Wartburg Radio unterstützte die Teilnehmer/innen dabei und erklärte die wichtigsten Dinge zur Aufnahmetechnik.

Alle Teilnehmer/innen waren über die tollen Gedanken und die Wirkung des Projektes positiv überrascht und es bereitete ihnen Freude, sich im Studio auszuprobieren. Nach unseren Aufnahmen setzten wir uns noch einmal zu einer Feedback-Runde zusammen. Ich erzählte den Teilnehmenden, dass ich mir zu Beginn des Projektes gewünscht habe, über das Thema Wünsche und Träume eine Verbindung füreinander zu schaffen. Ich wollte aufzeigen, dass es möglich ist, sich über dieses Thema offen zu begegnen, so dass es dann keine Rolle mehr spielt, ob jemand ein Handicap hat oder nicht. Wir waren uns einig, dass die Offenheit und gegenseitige Akzeptanz während der gemeinsamen Tage ein besonderes Erlebnis war. Dadurch konnten wir auch über sehr private Dinge sprechen und uns einmal ganz anders kennen lernen. Zudem war es für alle eine tolle Erfahrung, mit den Bedürfnissen und Hilfestellung der Menschen mit Handicap umzugehen und umgekehrt die Hilfestellung zu erhalten.

Nach den vier Projekttagen begannen Franziska Klemm und ich die Sendung zu bearbeiten und die Beiträge zusammen zu schneiden. Hierbei beachteten wir die Ideen und Vorschläge der Gruppe.

Geht der Traum weiter?

Ein paar Wochen später begegneten wir uns dann noch einmal zu einem Abschlusstreffen und hörten uns die produzierte Sendung an. Die Teilnehmenden freuten sich über das Wiedersehen und am Ende der Sendung trugen wir unsere Eindrücke zusammen. Zum Teil waren wir sehr berührt, durch die selbst gewählte Musik wirkten die Beiträge noch einmal viel stimmungsvoller. Alle waren mit ihren Beiträgen und dem Aufbau der Radiosendung sehr zufrieden. Ich denke, durch das Thema wurde die Verbindung zueinander gefestigt, aber auch das Selbstwertgefühl jedes Einzelnen durch seinen bzw. ihren ganz persönlichen Beitrag gestärkt. Jeder fühlte sich gehört und konnte seine Sichtweisen zu einem Thema einbringen, welches im Alltag vielleicht unterschätzt oder zu wenig beachtet wird.

Wir würden uns freuen, wenn wir mit unserer Radiosendung bei den Zuhörern etwas bewirken oder sie zum Nachdenken anregen können. In der Abschlussrunde äußerten alle Teilnehmer/innen den Wunsch für weitere inklusive Radioprojekte, damit Menschen mit und ohne Behinderung Begegnungen ermöglicht werden. Interessant sind hierbei die Themen Liebe, Wertschätzung oder (Vor-)urteile.

Für die Zukunft ist mir wichtig, gemeinsam mit anderen aufzuzeigen, dass Menschen mit und ohne Behinderung aufeinander zugehen und Ängste und Vorurteile nach und nach abgebaut werden können. Ich denke, das Radio bietet eine interessante und barrierefreie Möglichkeit, inklusive Themen und Erfahrungen mit vielen Menschen zu teilen. Durch inklusive Projekte kann ich selbst außerdem lernen, meine wertschätzende Haltung zu stärken und eigene Vorurteile abzubauen. Wenn ich Menschen immer mehr so annehmen kann, wie sie sind und zwischenmenschliche Barrieren dadurch auflöse, kann ich vielleicht auch andere dazu motivieren, zunehmend eine achtsame Haltung im Alltag einzunehmen.

Durch inklusive Radioprojekte und den Radiosendungen mit meinem Kollegen Stefan Redetzke möchte ich auch weiterhin aktiv, gemeinsam und verständlich zwischenmenschliche Barrieren abbauen und inklusive Themen veröffentlichen. Sie können unsere Sendung beim Wartburg Radio auf der Frequenz UKW 96,5 und via Stream im Internet unter www.wartburgradio.com anhören.

Für Fragen, Anregungen und Ideen stehe ich gern zur Verfügung.

Kontakt

  • Maria Hoschke
  • Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung in der Stadt Eisenach und im Wartburgkreis e. V.
  • tfs[at]lebenshilfe-eisenach.de
  • www.lebenshilfe-eisenach.de

 

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