Was mit Medien: Nimm!-Projektleiterin Selma Brand über das erste inklusive Jugendmediencamp

Hallo Selma, das erste inklusive Nimm!-Jugenmediencamp ist jetzt ein paar Tage vergangen und du als Hauptverantwortliche hattest hoffentlich ein bisschen Zeit, dich zu erholen! Im Bericht von Melanie von der Inklusiven OT Ohmstraße konnten wir bereits  Eindrücke gewinnen vom Camp, jetzt würden wir aber gerne mehr von dir erfahren! Wir haben ja bereits viele Veranstaltungen durchgeführt – von Fachtagen für die Pros bis hin zum Festival für die Kids. Eine Übernacht-Veranstaltung für Jugendliche aber war noch nicht dabei. Du hast dich als Projektleiterin sehr stark gemacht für die Idee eines inklusiven Jugendmediencamps. Was war deine Motivation?

Selma Brand: Ganz kurz gesagt: Noch mehr für Jugendliche! Ich war bei unserem Festival Anfang 2017 wirklich begeistert, wie viele kamen, um gemeinsam Medienprojekte auszuprobieren. Wir mussten sogar die Anmeldung schließen, weil mehr nicht in die Räume gepasst hätten. Dort habe ich auch gesehen, wie leicht die Jugendlichen miteinander ins Gespräch kamen und gemeinsam Angebote ausprobiert haben, z. B. die Selphy-Box der Welle oder die Musikproduktion des Bennohauses. Tja, und nach unserem Barcamp im Sommer 2017 kam mir die Idee etwas Ähnliches für Jugendliche zu konzipieren. Medienarbeit auf Augenhöhe, Jugendliche lernen von Jugendlichen, natürlich inklusiv und mit Übernachtung – damit es etwas Besonderes ist und man auch Zeit hat, im Dunkeln an speziellen Angeboten wie Lightpainting zu Arbeiten.

Welche Akteure und Einrichtungen hast du eingeladen und wie war die Resonanz? Gab es auch Absagen und Ausfälle und warum? War es leicht, Jugendliche von diesem Angebot zu überzeugen und nicht zuletzt natürlich auch ihre Eltern?

Selma Brand: Ich habe Netzwerkpartner und die Kompetenzzentren für inklusive Medienarbeit eingeladen, gemeinsam mit einer Jugendgruppe zum Camp zu kommen, die Resonanz war echt gut. Das Camp war nach zwei Tagen voll, damit hatte ich nicht gerechnet. Die Pädagogen erzählten, dass es nicht schwer war, ihre Jugendlichen für das Camp zu begeistern, mit einigen Eltern habe ich auch selbst telefoniert und Fragen geklärt. Eine Mutter aus Remscheid sagte mir, dass sie es besonders gut findet, dass so etwas explizit für Jugendliche angeboten wird, oft gäbe es solche Angebote eher für Kinder. Die Gruppe aus dem Bennohaus hat wohl auf dem Rückweg im Zug schon der begleitenden Medienpädagogin vorgeschlagen, so ein Camp auch mal im Bennohaus durchzuführen. Das finde ich natürlich besonders schön zu hören.
Eine Institution konnte leider nicht mit der Jugendgruppe anreisen, was an Termindopplungen im – bekanntlich immer sehr vollen – Herbst lag.

Das Jugendmediencamp war ja – wie alle Angebote im Nimm!-Projekt – inklusiv. Was braucht es deiner Meinung, damit Veranstaltungen wie diese „inklusiv“ sein können? Welche Voraussetzungen müssen seitens der Akteure, der Räumlichkeiten und vielleicht auch bei den Angeboten gegeben sein?

Selma Brand: Zuerst ist hier auf jeden Fall der Veranstaltungsort zu nennen. Dieser muss wirklich barrierefrei sein, wenn man es allen öffnen möchte. Wir hatten letztendlich keine Jugendlichen mit Rollstuhl, so dass wir auch bei der Wahl der Seminar- und Schlafräume alle Räume nutzen konnten. Ich habe aber im Vorfeld mit Haus Neuland geklärt, dass wir ggf. Parterre Schlafräume benötigen. Einige Jugendliche mit Autismus können schlecht in 4-er Zimmern schlafen, weswegen ich für sie Doppelzimmer gebucht habe. Generell ist ein bisschen finanzieller Puffer an dieser Stelle sehr praktisch. Von Seiten der Akteure braucht es auf jeden Fall Improvisationstalent und Flexibilität in der zeitlichen Gestaltung. Abgesehen von der Begrüßung hat nichts zu genau der Zeit stattgefunden, wie es ursprünglich geplant war. Damit hatte ich schon gerechnet und die Partner gebeten, den Ablaufplan auf keinen Fall an die Jugendlichen rauszugeben, sondern eher als eine Möglichkeit von vielen zu betrachten.

Die Arbeit im Team der Pädagogen vor Ort hat dann aber wirklich gut geklappt, unter anderem hat Johanna Gesing von Haus Neuland immer wieder ausgeholfen, wenn es Fragen zum Haus gab oder Technik besorgt, wenn die Jugendlichen spontan eine Idee hatten. Johannes Rück von der tjfbg hat sein Robotik-Angebot spontan mehrfach durchgeführt, da sich die Jugendlichen so stark dafür interessierten, Daniel Heinz hat eine Analoge-Gaming-Aktion mit der ganzen Gruppe gemacht (und dafür 100 Bälle aus dem Bällchenbad einer befreundeten Kita ausgeliehen). Die Spontaneität und Kreativität sind seitens der Akteure aus einem inklusiven Camp wirklich nicht wegzudenken. Und natürlich der Spaß an der Sache, denn auch die Pädagogen konnten hier mal bei den Kollegen gucken, was sie mitgebracht haben und saßen teilweise bis in den späten Abend vor den Robotern.

Was war dein persönliches Highlight?

Selma Brand: Klar, die Angebote aller Gruppen sind wirklich toll geworden, aber wenn du mich persönlich fragst: Ganz ehrlich war es das Ende. Ich habe kurz vor der Präsentation aller Gruppen noch einen Fotofilm mit Bildern der zwei Tage zusammengeschnitten. Es war ein schöner Moment als die ganze Gruppe die zwei Tage Revue passieren ließ. Da habe ich die Jugendlichen angeguckt und gedacht: „Krass, es hat echt funktioniert. Mega.“ Und dann bin ich schnell ins Nebenzimmer gegangen, um was zu holen.

Und was ging so richtig schief?

Och… du meinst neben der Tatsache,

  • dass die Bahnstrecke grad renoviert wurde,
  • ein Auto samt Pädagogen und Teilnehmern auf der Autobahn liegen blieb,
  • Tablets verschwanden und an merkwürdigen Stellen wiederauftauchten („Ach ja…. Stimmt, da hatte ich es hingelegt!“)
  • oder aufgedrehte Teilnehmerinnen, die uns morgens beim Frühstück erzählten, dass sie auf dem Tisch in ihrem Zimmer geschlafen haben, weil sie das immer mal ausprobieren wollten?

Also, kurzzeitig beunruhigt hat mich wirklich nur der Moment, als ich beim letzten Telefonat mit Haus Neuland keine 20 Stunden vor unserer Anreise erfahren habe, dass die Erwachsenenzimmer in einem anderen Gebäudeteil liegen, als die Jugendzimmer. In einem VÖLLIG anderen Gebäudeteil, so dass wir eventuelle nächtliche Aktivitäten unserer Teilnehmenden im pubertierenden Alter (da vertut man sich ja schnell mal im Zimmer…) nicht mitbekommen hätten. Ich habe dann etwa zwei Stunden hin- und her telefoniert und organisiert, dass einige Betreuer auch im Jugendtrakt in Einzelzimmern schlafen konnten. Nicht aufgefallen war das Ganze, da die Ansprechpartner von Haus Neuland dachten, dass die Doppelzimmer (die wir für die autistischen Jugendlichen bestellt hatten) für Pädagogen reserviert seien… Es hat dann aber alles geklappt und schon gegen 3 Uhr schliefen alle…

Was würdest bei einem nächsten Mal anders machen – und was ganz genauso?

Slema Brand: Ich würde das Camp auf zwei Schulterpaaren verteilen. Mit der ganzen Organisation im Vorfeld, Anmeldungen, Einverständniserklärungen, Führungszeugnissen, Betreuung, Finanzen, Anreise, Verpflegung, Unterbringung sowie natürlich der Bereitstellung von Technik und Konzeption der einzelnen Workshops war es doch recht umfangreich. Auch beim Camp selbst wäre ein Organisations-Duo sicher gut, um parallel arbeiten und Einzelteile vorbereiten zu können. Auch wenn es dadurch chaotisch werden kann: Ich würde die Spontaneität genauso lassen. Mir ist es wichtig, den Jugendlichen Freiheiten zu geben und sich bei so einem Camp damit beschäftigen zu können, was s

ie interessiert. Es muss auch ok sein, einfach eine Weile bei einer Gruppe zuzuschauen und dann vielleicht erst mitzumachen. Außerdem würde ich meinen Anspruch an schöne Details beibehalten.

Schöne Details, was meinst du damit?

Selma Brand: Ich habe zum Beispiel für alle Angebote Plakate mit dem jeweiligen Titel gemalt und dann an den Türen der Workshop-Räume befestigt. Zur besseren Lesbarkeit habe ich die Titel nochmal in einfacher Schrift auf Papier ausgedruckt und dazu geklebt, damit alle (also auch Teilnehmende, die nicht gut lesen können) verstehen, worum es dort geht. Die Plakate gefielen den Medienteams so gut, dass viele ihr Plakat mit nach Hause bzw. in die Einrichtung genommen haben, was mich natürlich gefreut hat.

Um mich bei den Partnerorganisationen zu bedanken, habe ich im Namen des Netzwerks persönliche Pakete für alle Einrichtungen gepackt. Diese beinhalteten verschiedene Materialien, um inklusive Medienprojekte durchzuführen. Mir war es wichtig, dass der Dank wirklich direkt vor Ort ankommt, das ist bei größeren Einrichtungen, die dann eine Aufwandsentschädigung erhalten würden, nicht immer der Fall. Durch die Geschenkpakete konnten wir die Partner direkt in ihrer Arbeit unterstützen. Außerdem wollte ich damit ihre Angebote und Mühen würdigen, ich habe über das ganze Jahr hinweg überlegt, was wohl praktisch, gut und cool wäre und habe mich für folgendes entschiedenen:

  • Einen kleinen JBL-Bluetooth Lautsprecher
  • Mehrere Mini-Ringtaschenlampen für Lightpainting
  • Spezielle Linsen, die vor einer Smartphone- oder Tabletkamera befestigt werden können
  • Eine iTunes Karte (für die Installation neuer Apps)
  • Eine Cardboard 3D-Brille (um mit dem eigenen Spartphone 3D Spiele zu spielen)
  • Kleine Plastikspielzeuge, die für analoge Gaming-Angebote genutzt werden können
  • Schokolade und Gummibärchen (sehr wichtig für die erfolgreiche Arbeit)
  • Eine Tafel Merci

Außerdem habe ich jedem Partner eine persönliche Dankeskarte mit Bezug auf das Angebot geschrieben. Diese persönlichen Pakete würde ich jedem, der etwas Ähnliches plant, empfehlen. Mich erreichten nach dem Camp viele Fotos wie die Gruppen die Technik (teilweise noch im Zug) ausprobierten.

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