VR-Brille

Mädchen schaut  durch eine aus Pizzakarton selbstgebastelte VR-Brille

Inklusives Medienprojekt im Mädchentreff Leyla. Beitrag von Ines Nadrowski und Alina Skobowsky

Im Medienprojekt “VR-Brille“ haben 13 Mädchen im Düsseldorfer Mädchentreff Leyla eine VR-Brille aus Pizzakartons am ersten Tag selbst gebastelt und mit dem Programm CoSpaces Edu am 2. Tag eine eigene virtuelle Welt erstellt, die sie mit ihrer neuen VR-Brille betreten konnten.

Das Medienprojekt fand während der Herbstferien statt und lief über zwei Tage mit jeweils 4,5 Zeitstunden. Teilgenommen haben 13 Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren, vier davon mit Förderbedarf, Schwerpunkt geistige Entwicklung. Da unser Ferienprogramm sowie der Mädchentreff Leyla einen explizit inklusiven Anspruch haben, haben wir einen relativ hohen Anteil an Mädchen mit (geistiger) Behinderung. Als sehr hilfreich haben wir es empfunden, das Thema Behinderung zu Beginn des Ferienprogramms mit allen Kindern gemeinsam aufzugreifen. Auf diese Weise können Vorurteile und Berührungsängste leichter abgebaut werden: Nach dem Kennenlern-Spiel fragen wir die Mädchen in einer Stuhlrunde, ob sie wissen, was Behinderung bedeutet. Folgefragen können in etwa sein:

  • ob es denn überhaupt normale Menschen gibt (natürlich nicht),
  • welche Behinderungen sie kennen,
  • ob es Menschen in ihrem Umfeld mit Behinderung gibt
  • oder ob sie selber eine haben,
  • was für Eigenschaften sie haben, die als Behinderung gelten könnten,
  • was sie besonders gut können und bei was für Sachen sie Hilfe brauchen.

VR-Brillen basteln aus Pizzakarton

Bei der Runde legen wir auch immer fest, dass wir „behindert“ nicht als Schimpfwort benutzen, weil das für Menschen mit Behinderung beleidigend ist. Außerdem erklären wir den Mädchen, dass früher Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, und dass es immer noch in Gange ist, dass diese wieder voll in die Gesellschaft aufgenommen werden – wir machen also auch den gesellschaftlichen Kontext deutlich. Zuletzt sagen wir den Mädchen, dass sie mit Fragen diesbezüglich auch immer zu uns kommen können, auch wenn sie Unsicherheiten in Bezug auf andere anwesende Mädchen haben. Da das Projekt „VR-Brille“ unser Herbstferienprogramm eröffnete, starteten wir also mit dieser Runde.

Vorbereitet hatten wir mehrere Tische, die in der Mitte des Raumes standen, jedes Kind brauchte mindestens einen halben Tisch für sich, um die eigene VR-Brille zu basteln Materialien zum Basteln, die nicht fehlen dürfen, sind:

  • guter Kleber (einer pro Kind)
  • Büroklammern (pro Kind 3-4)
  • Cutter (für jedes Kind einen)
  • Tesafilm
  • VR-Linsen (pro Kind 2)
  • Bastelbögen mit Anleitung
  • Pizzakartons
  • eigenes Handy und Ersatz Handy, falls ein Kind kein Handy besitzt

Die Pizzakartons haben wir in einer nahe gelegenen Pizzeria erstanden. Die Linsen sowie die Bastelbögen und Anleitung sind online z. B. hier erhältlich. Die VR Brille sollte unbedingt vorher einmal vorgebastelt werden! Denn auch für Erwachsene ist dies nicht ganz einfach. Vor allem die Richtung der einzelnen Stücke sowie die der Linsen beim Zusammenstecken ergibt sich nicht immer von selbst. Wenn der Kleber nicht gut halten sollte, kann auch mit Tesa nachgebessert werden. Es ist sehr wichtig, die Bastelbogenvorlage mit der Größe des Handys der Kinder abzugleichen. Manche Handys sind zu groß für die Vorlage, es macht da Sinn, etwas größer auszuschneiden. Die Pizzakartons sollten weiterhin nicht zu oft und zu stark geknickt werden, sonst fallen sie ab. Es ist außerdem sehr wichtig, dass beim Aneinanderkleben genug Geduld im Spiel bleibt, damit der Kleber wirklich effizient wirken kann – eine Herausforderung für Jung und Alt.

Herausfordernd bei diesen komplizierten Bastelaufgaben war auch die unterschiedliche Schnelligkeit der Mädchen. Wir haben uns dafür entschieden, alle Mädchen gleichzeitig anzuleiten, also mit allen Mädchen gleichzeitig jeden Schritt durchzugehen, und die Mädchen dabei abwechselnd individuell zu betreuen. Eine Teilnehmerin hat uns am Ende vorgeschlagen, das nächste Mal in Gruppen zu arbeiten und pro Betreuerin eine Gruppe anzuleiten – das halten wir im Nachhinein ebenfalls für sinnvoller. Einigen Mädchen war schon langweilig während andere noch hart gekämpft haben. Eine weitere tolle Idee einer Teilnehmerin war, dass eingeplant wird, die Brillen anzumalen, vor oder nach dem Basteln.

Mädchen schneidet mit Cuttermesser VR-Brille aus Pizzakarton aus

Sehr empfehlenswert ist ein hoher Betreuungsschlüssel bei dieser Aufgabe! Wir waren zu dritt mit 13 Mädchen, was definitiv zu wenig war. Gerade ein Mädchen mit Behinderung kam zu kurz und ist am zweiten Tag leider nicht mehr gekommen. Durch einen höheren Betreuungsschlüssel hätten wir ihr und uns viel Frustration ersparen können. Das Angebot ist vom Prinzip her nicht sonderlich inklusiv, da das Basteln einfach sehr kompliziert ist – mit einem hohen Betreuungsschlüssel und viel Unterstützung kann dies aber aufgefangen werden. Auch ist dieses Projekt sehr anfällig für Verletzungen, insbesondere durch den notwendigen Umgang mit Cutter-Messern, worauf sehr aufgepasst werden muss und unbedingt mit allen Kindern die Vorsichtsmaßnahmen besprochen werden müssen.

Wir hatten auch vorher darüber gesprochen, was wir machen, wenn ein Kind kein Handy besitzt. Laut der JIM- und KIM-Studie ist dies jedoch sehr unwahrscheinlich. Wir haben im Mädchentreff ein eigenes Handy, das wir in einem solchen Fall eingesetzt hätten und hätten auch die persönlichen Handys eingesetzt. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich die Mädchen ein Handy teilen.

Am Ende des Tages hatten aber trotz aller Schwierigkeiten alle Mädchen ihre fertigen VR-Brillen und waren sehr stolz auf ihre Leistung. Wir zeigten den Mädchen direkt, wie sie die Brille einsetzen konnten, das ging sehr leicht mit dem eigenen Handy und Youtube-Videos. Auf diese Weise lassen sich nicht nur die fertigen Resultate ausprobieren, sondern es kann auch getestet werden, ob die Linsen tatsächlich richtig herum eingesetzt worden sind und somit beim Schauen über das Smartphone der VR-Effekt erzeugt wird. Dazu eignen sich diverse Videos auf YouTube. Beispiele:

Die Mädchen waren sehr begeistert und wollten trotz des anstrengenden Tages am liebsten gleich loslegen mit ihrer eigenen virtuellen Welt.

Mädchen betrachten selbst gestaltete virtuelle Welt an Leinwand

Der zweite Tag des Ferienangebots legte den Fokus auf das Erschaffen einer eigenen virtuellen Welt mittels des Programms CoSpaces Edu. Wichtig vom Vortag für einen guten Start in die VR-Welt war es, dass alle Mädchen ihre VR-Brille an einem sicheren Ort im Mädchentreff verstaut beziehungsweise sie mit ihren Namen versehen hatten, da der Einwand, die Brillen individuell zu gestalten, erst beim abschließenden Feedback angebracht wurde und die Brillen sich daher alle sehr ähnlich sahen. Ein Mädchen musste am Vortag aus terminlichen Gründen ab der Hälfte des Angebots gehen, daher musste sie am zweiten Tag ihre Brille noch zu Ende basteln. Hierfür war es nötig, eine Betreuerin zur Unterstützung für sie zu haben, da das Basteln trotz Anleitung wie bereits erwähnt für Jung & Alt seine Herausforderungen bereit hält.

Bezüglich der technischen Ausstattung lässt sich sagen, dass der Mädchentreff über 10 Computer verfügt sowie über einen Computer, der direkt mit einem Beamer verbunden ist, der auf eine große, weiße Wand projizieren kann. An diesem Computer wurde zunächst für alle Mädchen sichtbar eine Einführung des Programms vorgenommen, so dass sie Schritt für Schritt von der Erstellung eines eigenen Kontos bei CoSpaces Edu, bis hin zum Erstellen der eigenen virtuellen Welt alles gemeinsam verfolgen konnten, alle dieselbe Einführung erhalten haben und erste Fragen stellen konnten.

Stehen für ein geplantes Angebot nicht ausreichend Computer zur Verfügung, so ist es auch möglich, mit Tablets oder den Smartphones selber zu arbeiten. Aus unserer Perspektive war das Arbeiten an den Computern durch die Unterstützung einer Maus einfacher, je kleiner der Bildschirm, desto erschwerter die Bedienung. Dennoch sind die Kinder und Jugendlichen erfahrungsgemäß eher mit der Bedienung von (kleineren) Touch-Bildschirmen vertraut.

Wenn mit Tablets gearbeitet wird, ist es ratsam, die CoSpaces Edu-App vor dem Angebot zu installieren und auszuprobieren, um Zeit einzusparen. Weiterhin ist es sinnvoll, dass die Mädchen die gleichnamige App (für Android und iOS) auf ihrem eigenen Smartphone installieren. An dieser Stelle gilt es, folgende Schritte zu beachten:

  • Die Mädchen brauchen ausreichend Speicherplatz auf ihrem Smartphone (Downloadgröße: 49,66 MB ? In unserem Fall war häufig nicht genügend Speicherplatz vorhanden und die Mädchen mussten zuerst Dateien von ihrem Smartphone löschen)
  • Je nach Alter und Absprache mit den Eltern der Mädchen ist es ratsam, zu thematisieren, inwiefern Mädchen selbstständig Apps auf ihrem Smartphone installieren dürfen ? Eines der Mädchen rief in diesem Zusammenhang zur Sicherheit noch einmal ihren Vater an, um nach Erlaubnis zu fragen.
  • Es braucht ein stabiles WLAN

Als durchführende Personen des Workshops empfiehlt es sich, ein sogenanntes „Lehrer-Konto“ anzulegen. Auf diese Weise können alle TN des Workshops mit einem Code in einen virtuellen Klassenraum eingeladen werden, wo gegenseitig die fertiggestellten Spaces besichtigt werden können, außerdem hat das „Lehrer-Konto“ einen Überblick über alle TN und kann ggf. Passwörter zurücksetzen, falls nötig.

Unter https://edu.cospaces.io/Auth/Role kann ausgesucht werden, ob man sich als Schüler oder Lehrer anmelden möchte. Zur Anmeldung als Lehrperson ist die Angabe einer Mailadresse nötig, diese muss bestätigt werden und schon ist das Lehrer-Konto erstellt. Unter der Rubrik „Meine Klassen“ kann dann eine neue Klasse für die Workshop-Gruppe erstellt werden. Durch Erstellen des Klassenraumes wird ein Zugangscode generiert, mit diesem können sich dann alle teilnehmenden Personen in den Klassenraum einloggen. Es ist ratsam, diesen gut sichtbar für alle beteiligten Personen aufzuschreiben, sodass alle ständig Zugriff haben. Anschließend können die ersten eigenen Spaces erstellt werden!

Unter der Rubrik „Meine Spaces“ im Hauptmenü findet sich ein Erklärvideo, um alle Basics für die Erstellung einer eigenen Welt kennenzulernen. Nach unseren Erfahrungen funktioniert das Programm jedoch intuitiv, die Mädchen haben nach der Einführung über den Beamer unter „Space erstellen“ direkt ihre eigenen Welten mit großem Spaß erstellt. Der Fantasie sind dabei (kaum) Grenzen gesetzt. Es können zum Beispiel Gebäude, Figuren, Tiere und Gegenstände eingefügt werden. Diese können farblich angepasst, in Bewegung gebracht, gedreht, vergrößert, verkleinert werden und mit Sprechblasen versehen werden, sodass ganze Geschichten erzählt werden können.

In unserem Workshop gaben wir den Mädchen keinerlei Vorgaben, was für einen virtuellen Raum sie erstellen sollten. Von einem Zoo auf offener Straße, einem Weihnachtsfest Zuhause, einer Szene, in der in ein Haus eingebrochen wurde bis hin zu abstrakten Welten mit riesigen blauen Mäusen und Menschen, die auf Raketen ritten, war alles dabei. Währenddessen konnten wir beobachten, dass sich die Mädchen gegenseitig viel unterstützt haben und wir lediglich ab und an einzelne Fragen beantworten mussten.

Im Anschluss durfte jedes Mädchen ihre eigene virtuelle Welt über den an den Beamer angeschlossenen Computer allen TN zeigen und erklären. Um nun die virtuelle Welt in 3D betrachten zu können, sollten sich alle Mädchen auf ihrem Smartphone mit ihren Nutzerdaten und ihrem Passwort einloggen, um über die gebastelte Brille in die eigene Welt einzutauchen. Hier ergab sich häufig die Schwierigkeit, dass die Mädchen ihren Nutzernamen oder ihr Passwort nicht mehr wussten oder sich Schreibfehler eingeschlichen hatten. Über das „Lehrer-Konto“ konnten wir dann Passwörter zurücksetzen.

Mädchen gestalten am Rechner virtuelle Welten

Das Erlebnis, die eigene Welt virtuell über das Smartphone betreten zu können, war für viele Mädchen ein ganz besonderes Erlebnis und sie waren allesamt sehr stolz auf ihre Welten. In der kostenlosen Version des Programms ist es möglich, bis zu zwei Spaces zu erstellen. Viele der Mädchen hatten in der Zeit die Gelegenheit genutzt und gleich zwei verschiedene Spaces erstellt.

Das Angebot bietet auch auf pädagogischer Ebene einen niedrigschwelligen Zugang zu der persönlichen Lebenswelt der Mädchen, da in den Spaces auch persönliche Erlebnisse, Erfahrungen, Träume oder Ängste dargestellt wurden und man über die Thematisierung mit den Mädchen ins Gespräch kommen und sie besser kennenlernen kann. Ein Mädchen hatte einen Space mit einer Mobbing-Szene erstellt, was einen guten Einstieg für sie bot, mit uns über ihre Erfahrungen diesbezüglich zu sprechen.
Kritisch bemerken mussten wir jedoch, dass die technische Umsetzung des Programms auf dem Smartphone manchmal nicht reibungslos verlief, bei einigen Mädchen „hakelte“ die Wiedergabe der Spaces, sodass diese neu gestartet werden mussten. Dies kann allerdings auch daran liegen, dass wir zwischendurch WLAN-Probleme hatten, als alle Mädchen gleichzeitig eingeloggt waren.

Insgesamt lässt sich sagen, dass es sich bei dem Virtual-Reality-Brillen-Projekt um ein modernes, vielseitig nutzbares, medienpädagogisches Angebot handelt, wo mit wenig Kosten großartige Ergebnisse erzielt werden und sowohl die Kreativität, als auch das technische Know-How der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen gestärkt werden kann. Als besondere Zitate zum Abschluss können wir von einem Mädchen (10 Jahre) berichten, die sagte „Ich habe vorher noch nie konzentriert an einem Computer gearbeitet.“ und ein anderes Mädchen (12 Jahre) sagte: „Warum klappt eigentlich im Mädchentreff alles und in der Schule nicht?“ Diese Aussagen haben uns sehr motiviert, das Projekt ein weiteres Mal durchzuführen, das nächste Mal aber mit einem höheren Betreuungsschlüssel, damit die Mädchen (auch mit Förderbedarf) nicht unterwegs verloren gehen und dranbleiben können, um auch so tolle Ergebnisse erzielen zu können. Und die gebastelte Brille eignet sich für den Alltag auch hervorragend, um einfach nur spannende VR-Videos anzuschauen.