„Ich habe was zu sagen!“ Über Unterstützte Kommunikation. Am Beispiel Theater. Von Sabrina Schultheis

Junge Menschen mit Behinderung auf einer TheaterbühneViele Menschen mit geistigen und/ oder körperlichen Behinderungen können sich nicht darauf verlassen, dass ihr kommunikativen Möglichkeiten von der Außenwelt verstanden werden. Ob sie gar nicht sprechen oder sehr verwaschen reden – häufig entstehen Probleme. Die Unterstützte Kommunikation (UK) ist für diese Menschen wichtig, um mit ihrer Umgebung in Kontakt zu treten und verstanden zu werden.

Unter UK versteht man alle Mittel und Maßnahmen zur Verbesserung der kommunikativen Möglichkeiten von Menschen ohne (verständliche) Lautsprache.  Die fehlende oder nicht verständliche Lautsprache kann körperliche oder geistige Ursachen haben, angeboren oder im Laufe des Lebens erworben sein. Zur UK gehören

  • Körpereigene Kommunikationsformen: Mimik, Augenbewegungen, Gebärden
  • Nichtelektronische Kommunikationshilfen: individuell angepasste Kommunikationstafeln/-ordner mit Fotos, Bildern und Symbolen für unterschiedliche Alltagssituationen)
  • Elektronische Kommunikationshilfen: Geräte mit Sprachausgabe (“BigMacks”, einfache und komplexe “Talker” für die symbol- und/oder schriftbasierte Kommunikation

Vor allen Dingen die elektronischen Kommunikationshilfen sind immer mehr auf dem Vormarsch. Diese symbolbasierten funktionieren nach folgendem Prinzip: Auf einer Oberfläche befinden sich Symbole, die kombiniert und zu Aussagen verknüpft werden. Bei komplexeren Talkern sind dabei verschiedenene Kommunikationsoberflächen/ -ebenen miteinander verknüpft. Talker sind in der Regel individualisierbar: Eigene Bilder/ Aussagen können eingefügt werden.

Metatalk

Metatalk wird in diesem Artikel als Beispiel für einen Talker bzw. eine Talker-App genutzt. Natürlich ist es bei Weitem nicht die einzige Talker-Möglichkeit, aber Metatalk bietet viele Vorteile. Annette Kitzinger hat eine nichtsprechende Tochter. Schon sehr früh begann die gelernte Grafikerin, für ihre Tochter ein Bildersystem aufzubauen, mit dem die Kommunikation unterstützt werden sollte. Mittlerweile ist dieses System auf mehr als 10.000 Symbole angewachsen und wird in einem Großteil der sonder-/ heilpädagogischen Einrichtungen im deutschsprachigen Raum genutzt, weil die Symbole attraktiv und leicht verständlich sind.

Im Alltag

Leider ist es so, dass Talker meist nur in heilpädagogischen Einrichtungen bekannt sind. Ein Problem, das nur Talker-Nutzer ändern können. Die Gesellschaft muss lernen, sich mit UK-Nutzern zu unterhalten und dazu gehört in erster Linie eins: Zeit! (Naja, und Übung schadet natürlich auch nicht.)

Aber was ist denn dazu wichtig? Was muss man lernen?

Besonders wichtig ist, dass die Talker-Nutzung viel mehr Zeit in Anspruch nimmt, als der gleiche Satz in Lautsprache nehmen würde. Bei der Nutzung eines Sprachausgabegerätes muss man sich meist über verschiedene Ebenen manövrieren um auch einfachere Sätze zu „sagen“. Darum nutzen UK-Sprecher gerade in schnellen kommunikativen Situationen häufig sehr kurze, manchmal sogar Ein-Wort-Sätze. Das ist nie Unhöflichkeit, sondern immer angepasstes Zeit-Management. Das verlangt aber vom Kommunikationspartner Geduld und manchmal auch eine kluge Nachfrage.

UK-Nutzer haben es häufig schwer, Situationskomik zu nutzen, auch dies ist der langen Dauer, die zum Bauen eines Satzes benötigt wird, geschuldet. Man hat eine Situation, möchte was Witziges antworten, doch bis man den Satz gebildet hat, ist die Situation schon lange vorbei. Häufig wird dies fälschlicherweise als humorlos verstanden –  zu Unrecht.

Talkeroberfläche: Symbole sind kombiniert zu der Aussage, ich glaube mein Schwein pfeift

(gesagt mit einer Quasselkiste 60)

Besonders wichtig ist aber: Nur weil man nicht sprechen kann, heißt das nicht, dass man nichts zu sagen hat!

Einsatz von Metatalk: Metatalk bietet den großen Vorteil, dass viele themenspezifische Wörter, Floskeln und Satzfragmente direkt auf einer Seite zu finden sind. So kann der Nutzer schnell und einfach und in ganzen Sätzen sprechen.

7 ganzer Satz

Ein Hobby? Theater!

In Gummersbach und Wipperfürth (NRW) gibt es öffentliche Schauspielkurse, die inklusiv aufgebaut sind, dabei aber einen Schwerpunkt auf die fähigkeitenangepasste Arbeit mit Menschen mit Behinderung haben. Hier gibt es mehrere Schauspieler, die nicht oder nicht ausreichend über Lautsprache verfügen.

Aber was machen diese Menschen in einem Schauspielkurs? Schafft man es, dass sie mehr als Statistenrollen spielen? Wie integriert man diese Menschen sinnig?
Alle Schauspieler – ob mit oder ohne Behinderung – haben absoluten Respekt voreinander. Deswegen gehört es einfach dazu, dass man auf Aussagen der UK-nutzenden Kollegen etwas länger wartet. Es ist absolut etabliert, dass alle Darsteller –  auch die sprechenden – immer wieder Talker nutzen. So haben alle gelernt, wie anstrengend es sein kann, auf so ein Gerät angewiesen zu sein. Auch die Leitung weiß mit dem Talker umzugehen, das ist natürlich hilfreich, aber nicht zwingend notwendig.

Im jüngeren Kurs gibt es einen jungen Mann, der regelmäßig zwischen dem Darstellen und dem Job als Regieassistenz wechselt. Als letzterer ist er mitverantwortlich für Aufwärmübungen und inszeniert auch mit, indem er nach einer Szene Kritik äußert und Verbesserungsvorschläge gibt. Seine Kollegen warten nach der Szene gespannt, was er zu sagen hat und setzen seine Vorschläge meist um (oder diskutieren sie ausführlich, aber das gehört wohl mit dazu.)
Aber die nichtsprechenden Mitglieder stehen auch klassisch mit auf der Bühne. Wut oder Liebe? Egal! Mit Talkern ist alles machbar!

Metatalkoberfläche: Symbole sind kombiniert zu der Aussage "das ist doch Scheiße und Kacke und gemein"

(gesagt mit Metatalk)

Eigentlich ist alles möglich! Sogar die schnellste und unvorhersehbarste Art des Theaters: Improvisation! Beide Kurse haben schon erfolgreich an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen! So lange die Ensemble-Mitglieder gut aufeinander eingespielt sind, kann man die Bühne erobern! Der Talker-Nutzer gibt vielleicht neue Stichwörter ein, die seine Ensemble-Mitglieder aufgreifen, er setzt Themen oder verändert Situationen. Die, die richtig gut mit den Talkern umgehen können, spielen ganz normal mit. Ja, normal!

Einsatz von Metatalk: Auch hier kommt es den Darstellern wieder sehr gelegen, dass ganze Sätze themenspezifisch auf Seiten angeordnet sind. Auch helfen die umfangreichen Floskeln, die es gibt. (Besonders beliebt sind natürlich die negativen)

Metatalk-Oberfläche mit Aussage: Das ist doch total scheiße

Man muss manchmal ein wenig tricksen: So speichern wir manchmal ganze Sätze, damit ein Dialog auf der Bühne flüssig gesprochen werden kann. Oder wenn der Talker mal zu umständlich ist, dann suchen wir andere Wege:

Auf dem Boden Karten mit Emotionen. Auf einer Karte ein Ball. Davor eine Person, sitzend.

(Hier wählt ein nichtsprechender Darsteller Emotionen aus, indem er den Ball darauf wirft. Aber prinzipiell wissen alle Darsteller: Jeder hat was zu sagen und gemeinsam bezaubern wir das Publikum!

Mehr über Metacom und Metatalk: metacom-symbole.de
Mehr über die beiden Kurse und ihre Stücke: wolkendinge.com

Kurz gesagt: Tipps zu UK in Projekten

  • Respekt haben – Zeit geben – JEDER hat was zu sagen!
  • Selbst Talker nutzen: Um Verständnis für diese Art der Kommunikation zu entwickeln
  • Ein-Wort-Antworten nicht als unhöflich missverstehen, ggf. nachfragen
  • Ggf. Sätze und Dialoge schon vorab einspeichern
  • kreativ andere Wege und Formen der Kommunikation und Beteiligung ausloten

Die Autorin

Sabrina Schultheis (Kommunikations- und Theaterpädagogin, heilpädagogische Ausbildung, Lehrerin an einer Förderschule) ist seit vielen Jahren als Theaterpädagogin und Regisseurin, auch – aber nicht nur – explizit für Menschen mit Behinderung tätig. Die Stücke wurden mehrfach von der Aktion Mensch gefördert. Sie ist Autorin einiger Theaterstücke (darunter „einfach LEBEN“, „Verdächtige“ u.v.m) und des Buches „Praxisbuch: Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung“, dieses gibt noch mehr Tipps und Hinweise.

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