Alle sind ExpertInnen! Medienkompetenz-Workshops in inklusiven Klassen – Ein Gastbeitrag von Eiko Theermann und Anne-Marie Hesse

ExpertInnenkonferenz inklusivDer Umgang mit Medien nimmt in der heutigen Gesellschaft einen immer größeren Stellenwert ein, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Die Nutzung von sozialen Netzwerken scheint dabei einen großen Teil einzunehmen. Es bietet den jungen Menschen einen erweiterten Kommunikations- und Handlungsraum, sowie die Möglichkeit der Präsentation der eigenen Person. Doch wie nutzen eigentlich Kinder und Jugendliche mit einer Beeinträchtigung die Medien? Werden ihnen überhaupt Möglichkeiten des Zugangs zu den Medien geboten und zur Verfügung gestellt? Wenn ja, können sie dann damit richtig umgehen oder entstehen evtl. Über-forderungen? Welche Barrieren gibt es noch? Und welche besonderen Chancen bieten ihnen die Medien?

ExpertInnenkonferenz inklusivIm Sinne der aktuellen Debatten, Diskussionen und Umsetzungsmöglichkeiten zur Chancengleichheit und Teilhabe von beeinträchtigten Menschen in der Gesellschaft sowie zur Inklusion, ist es auch notwendig und von Bedeutung, den Umgang mit den Medien von jungen Menschen mit einer Beeinträchtigung herauszufinden und den genannten Fragen nachzugehen.

Um sich also diesem wichtigen Thema anzunehmen, haben wir – das ServiceBureau Jugendinformation Bremen in Kooperation mit dem Martinsclub e.V. – in Bremen einen ersten Versuch gestartet, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen herauszufinden. Dazu führten wir sechs sogenannte Medienkompetenz-Workshops an drei verschiedenen inklusiven Oberschulen in Bremen durch – fünf in siebten Klassen und einen in einer sechsten Klasse. Bei den SchülerInnen mit Förderbedarf handelte es sich überwiegend um Jugendliche mit den Förderschwerpunkten Lernen und sozial-emotionale Entwicklung. In einer inklusiven Klasse waren ebenfalls SchülerInnen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung zu finden.

ExpertInnenkonferenz inklusivDer Medienkompetenz-Workshop richtet sich ursprünglich an SchülerInnen ohne Beeinträchtigung bzw. ohne Förderbedarf zwischen 13 und 18 Jahren. Mit der Durchführung dieses Workshops in inklusiven Klassen soll das zugrunde liegende Konzept für diese Klassen angepasst werden. Dadurch fühlen sich die SchülerInnen mit Beeinträchtigung mit ihren Bedürfnissen ernst genommen und zugleich wird das Medienbildungsangebot für diese Kinder und Jugendliche erweitert.

Der Medienkompetenz-Workshop hat die Bezeichnung ExpertInnenkonferenz, da die SchülerInnen als ExpertInnen ihrer eigenen Lebenswelt ernst genommen werden und sie zur Reflexion ihres eigenen Medienverhaltens angeregt werden sollen. Es stehen also die individuellen Medienerfahrungen im Vordergrund. Dabei wird das Medienwissen untereinander ausgetauscht und Handlungsempfehlungen für einen verantwortungsbewussten und risikoarmen Medienumgang werden erarbeitet.

Um das Konzept der ExpertInnenkonferenzen inhaltlich und didaktisch anzupassen, wurde ein Frage- und Beobachtungssbogen entwickelt, der die SchülerInnen mit Förderbedarf und deren Bedürfnisse während des Workshops in den Fokus nimmt. Dabei wurde u.a. das Verhalten, die Unter- und Überforderungen, die Arbeitsweise, die Motivation und die Zusammenarbeit der Jugendlichen, insbesondere der SchülerInnen mit Förderbedarf beobachtet und bewertet. Ebenso analysierten wir unser eigenes Verhalten, den Umgang und unsere verwendete Sprache. Auch die anwesenden LehrerInnen und PädagogInnen wurden befragt und sollten eine Einschätzung abgeben.

ExpertInnenkonferenz inklusivDas Ergebnis dieser Beobachtung, Bewertung, Analyse und Befragung lautet, dass es überwiegend alle SchülerInnen angesprochen hat, sowohl SchülerInnen ohne Förderbedarf als auch mit Förderbedarf. Denn bei den vorgestellten Medien, Gefahren, Programmen usw. handelte es sich überwiegend um Themen, die die SchülerInnen kennen, nutzen und heutzutage mit konfrontiert werden.

Es hat sich gezeigt, dass die Wichtigkeit des richtigen und sicheren Umgangs im und mit dem Internet deutlich herausgearbeitet werden muss, da den Jugendlichen mit Beeinträchtigung die entstehenden Gefahren und Folgen oft nicht bewusst sind.
Außerdem scheint eine klare Strukturierung während der Durchführung der ExpertInnenkonferenz insbesondere den Jugendlichen mit Beeinträchtigung das Lernen zu erleichtern. Sie können ihr Vorgehen und ihr Handeln dadurch besser einschätzen, selbstständiger arbeiten, benötigen also weniger Hilfe und es treten weniger Überforderungen auf.

Durch die eigenständige Recherche und Auseinandersetzung in kleinen Gruppen zu einem von ihnen selbst gewählten Thema konnten sich die SchülerInnen auf ihrem Niveau damit auseinandersetzen. Da wir außerdem viele Fragen an sie stellten und einige Diskussionen zu diesen wichtigen Themen mit ihnen führten, zeigten wir Interesse an der Lebenswelt der Kinder und sie fühlten sich mit ihren Bedürfnissen und Interessen ernst genommen.

Alle LehrerInnen und PädagogInnen zeigten eine positive Reaktion auf den Medienkompetenz-Workshop. Inhaltlich betrachtet sind sie der Meinung, dass es sich um ein wichtiges und aktuelles Thema für alle SchülerInnen handelt. Das dazu führt, dass es den größten Teil der SchülerInnen sowohl mit und ohne Förderbedarf angesprochen hat. Sodass alle Kinder – wenn auch auf unterschiedlichem Niveau – etwas gelernt haben.

Wir können also sagen, dass wir an dem Konzept der ExpertInnenkonferenzen keine aufwendigen Anpassungen vornehmen müssen.

Eine Zusammenfassung der Durchführung und der Ergebnisse sowie eine Stellungnahme einer Lehrerin und Eindrücke von den ExpertInnenkonferenzen bietet der folgende Kurzfilm.

 

Weitere Infos und Kontakt

ExpertInnen-Konferenz des ServiceBureau Jugendinformation

Martinsclub Bremen

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