Stop-Motion mit Smartphone und Tablet für hörbehinderte Schülerinnen und Schüler – Ein Gastbeitrag von Anne L. Bornkessel

Kinder bereiten Materialien für Stop-Motion-Film vorDas Projekt wurde konzipiert für gehörlose, schwerhörige und in der zentral-auditiven Verarbeitung beeinträchtigte 6- bis 10-jährige Kinder. Der Bedarf der Zielgruppe an einem Videoprojekt mit Smartphones und Tablets ist gegeben durch:

  1. Den allgemein großen Einfluss durch die Mediatisierung/Digitalisierung unserer Gesellschaft auch auf Heranwachsende.
  2. Die ausgeprägte Mediennutzung bzw. das Mediennutzungspotenzial speziell bei Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung, da in Videos die Muttersprache DGS verwendet werden kann und diese mit dem Smartphone als „Alltags-Technik“ – im Gegensatz zu behinderungsspezifischen Kompensationstechnologien finanziell für viele zugänglich – schnell und einfach aufgenommen, verschickt, geteilt usw. werden können.
  3. Die angestrebte Partizipation an Medien als Teil der (Jugend-)Kultur und als Mittel umfassender Bildung, um langfristig die gesellschaftliche Teilhabe der Teilnehmenden zu verbessern.

Vorbereitung und Planung

An die Teilnehmenden wurde im Rahmen eines Praxissemesters an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation herangetreten, indem zu Beginn eine offene Videowerkstatt für alle SchülerInnen und Schüler stattfand, die das Offene Ganztagsangebot (im Folgenden: Ogata) nutzten. Zunächst sahen alle gemeinsam das vorbereitete Beispiel eines einfachen Stop-Motion-Films an, um einen Zugang zur Bedeutung des Begriffs zu erlangen. Anschließend konnten sie in Fünfergruppen mit den bereitgestellten Figuren und der App Stop Motion Studio erste Erfahrungen über die Entstehung eines Films sammeln. Währenddessen wurde das Interesse, der Ideenreichtum zum Aufbau einer Handlung und die Faszination der einzelnen Schülerinnen und Schüler beobachtet.

Videokamera und Figuren für Stop-Motion-FilmNach jeder Gruppe wurde für die Teilnehmenden unbemerkt notiert, wer hervorstach und so im Anschluss an die offene Videowerkstatt aus insgesamt fünf Fünfergruppen in Absprache mit den Fachkräften der Ogata die zukünftigen Teilnehmenden der Videowerkstatt ausgewählt. Dazu wurden die Kinder einzeln angesprochen und erklärt, dass eine wöchentliche Fortsetzung der Videowerkstatt geplant sei und sie/er eine/einer von fünf Teilnehmenden sein könnte – vorausgesetzt, sie möchten und die Eltern unterschreiben die Einverständniserklärung.

Durch das Bestehenbleiben einer konstanten Gruppe waren aufeinander aufbauende Inhalte, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und den Teilnehmenden entsprechende Stärkung von Medienkompetenz und Selbstwertgefühl möglich. Durch eine frühe Abholung und darauffolgende längere Abwesenheit einer Schülerin konnte diese nicht mehr nachträglich angesprochen werden, sodass sich die tatsächliche Gruppe aus einem Jungen und drei Mädchen im Alter von sieben bis neun Jahren zusammensetzte.

Projekthintergrund und Ziele

Langfristig wurde angestrebt, die gesellschaftliche Teilhabe der Teilnehmenden durch das Projekt zu verbessern, da sie schon in jungem Alter spielerisch Techniken erleben, mit denen sie Kommunikationsbarrieren im Alltag zumindest teilweise kompensieren können; indem sie durch online geteilte Video(-Nachrichten) ortsunabhängig inhaltlich und/oder kreativ kommunizieren und partizipieren. Dies alles geschieht in einem von Freiwilligkeit und Selbstwirksamkeit geprägten Kontext, in dem über den kreativen Umgang mit relevanter Technik sowohl die Medienkompetenz (speziell Medienkunde und -nutzung, vgl. Baacke) der Teilnehmenden als auch deren Selbstwertgefühl, durch das Erleben und Präsentieren der eigenen Stärken, gefördert wird.

Nach der abschließenden Präsentation eines Zusammenschnitts der erstellten Werke als „Kino“ für alle Kinder der Ogata fand noch eine letzte offene Videowerkstatt für alle interessierten Kinder statt, in der sich die vier langfristig Teilnehmenden als Expertinnen und Experten wiederfanden. Diese Erfahrung könnte in einer Fortsetzung des Projekts noch bestärkt bzw. auch für das pädagogische Personal der „Videowerkstatt 2.0“, der Ogata und auch für die Lehrenden der Teilnehmenden nutzbar gemacht werden (Bsp: die erfahrenen Teilnehmenden jeweils als Expertin/Experte in einer neuen Gruppe oder als Multiplikatoren bei der Einführung digitaler Medien in den Schul(all)tag).

Die Digitalisierung der Lebenswelt schreitet immer weiter voran. Smartphones spielen dabei durch ihre Verbreitung (vgl. KIM-Studie 2014: 25% der 6- bis 13-Jährigen besitzen ein Smartphone, somit hat sich die Besitzrate innerhalb von zwei Jahren verdoppelt), ihre Mobilität und Multifunktionalität (einschl. Videoerstellung, -betrachtung und -bearbeitung) allgemein und speziell für „Augen-Menschen“ (aufgrund der visuellen Kommunikation in Deutscher Gebärdensprache und die diesbezüglich erheblichen Vorteile von Smartphones kann deren Besitz bei gehörlosen Menschen als überdurchschnittlich eingeschätzt werden) eine große Rolle und haben ein gewaltiges Potenzial. Auch Tablets sind immer stärker verbreitet – allerdings „nur“ in 19% der Haushalte mit 6- bis 13-jährigen Kindern (vgl. KIM-Studie 2014). Tablets scheinen von Kindern und Jugendlichen maßgeblich für Spiele und zum Anschauen von Fotos und (YouTube-)Videos genutzt zu werden. So gibt es ein großes Potenzial und Raum für neugieriges Ausprobieren beim Entdecken anderer Funktionen und Nutzungsmöglichkeiten.

Ausstattung und Technik

Für die wöchentliche Videowerkstatt durfte ein Raum in der Schule genutzt werden, in deren Gebäude auch ein Teil des Ganztagsangebots untergebracht ist. Die technische Ausstattung der Schule selbst war leider unzureichend, d.h. es waren nur ein (Konferenz-)Raum mit Beamer und keine schuleigenen Tablets oder ähnliches vorhanden. Hinzu kam eine weitere schultypische, bewahrpädagogische Regelung: ein absolutes, auch im Ganztagsangebot strikt zu befolgendes Handyverbot. Demgemäß und aufgrund des jungen Alters (i.d.R. noch kein eigenes Smartphone) konnten/durften leider nicht die eigenen Geräte der Teilnehmenden verwendet werden. Daher standen nur das private iPhone der Projektleiterin und ein dementsprechend von der Hochschule geliehenes Tablet (iPad) zur Verfügung, da die Kompatibilität und Nutzung der selben Programme die Nutzung für die Teilnehmenden vereinfachte. Erstrebenswert wäre allerdings die Verwendung von Open-Source-Technologien, um Alternativen zu den großen Konzernen aufzuzeigen, den Datenschutz zu optimieren und eine Individualisierung der Anwendungen zu ermöglichen.

An Software wurden folgende, kostenlose Programme verwendet:

Wünschenswert wäre von Seiten des pädagogischen Personals eine Person mehr gewesen, wodurch eine engere Begleitung der Teilnehmenden – abgestimmt an das jeweilige Vorwissen bzw. die individuelle Geschwindigkeit, Neues aufzunehmen und die jeweilige Konzentrationsfähigkeit – sowie Doku-Fotos und Reflexionsgespräche ermöglicht würden.

Papier Storyboard

Von den sonstigen Materialien wurde alles nach Bedarf individuell erstellt, so ergab sich eine Mischung aus analogen und digitalen Materialien; bekanntes und neues, um auch komplexere Inhalte oder Aufgabenangebote gut verständlich und für die Teilnehmenden möglichst selbstständig nutzbar zu machen – wie z.B. ein modulares Papier-Story-Board oder digitale Erklärvideos.

Durchführung

Die Videowerkstatt fand zwischen den Oster- und Sommerferien einmal wöchentlich statt; insgesamt neunmal, jeweils eine bis eineinhalb Stunden. Die Teilnehmenden betätigten sich sowohl einzeln, als auch in Zweier-Teams und in der gesamten Kleingruppe. Die Projektleiterin stand ihnen immer beratend zur Seite, nahm eine Strukturierung des gesamten Projekts und der einzelnen Einheiten vor und kommunizierte diese transparent. Zudem wurde viel Wert auf Selbsttätigkeit seitens der Kinder gelegt – d. h. die Teilnehmenden konnten alle Tätigkeiten vom Einschalten des Tablets über das Aufbauen des Stativs bis zur Bedienung des Schnittprogramms durch das wiederholte selbst Tun verinnerlichen. Auch untereinander lernten die Kinder, das jeweilige Gerät nicht einfach der/dem anderen aus der Hand zu nehmen, sondern Tipps zu geben, was man machen könnte, um die gewünschte Funktion zu erreichen.

Ergebnisse

Neben vielen kurzen Stop-Motion-Filmen, Videos vom Grimassenschneiden und erstem szenischen Spiel vor der Kamera wurde für jedes Kind ein Video über eine Stärke aufgenommen. An letzterem wurde auch das Schneiden bzw. Einfügen von Effekten und Zusammenfügen mehrerer Sequenzen geübt. Daraus wurde ein ca. zehnminütiger Film unter dem Motto „Wir können das!“ erstellt, der dann allen anderen Kindern in der Ogata und in den jeweiligen Schulklassen (wie in einer Kinovorstellung) präsentiert wurde und den die Teilnehmenden auf DVD – ebenso wie eine für jede/jeden individuell gestaltete Urkunde – mit nach Hause nehmen konnten.

Positiv überrascht hat, dass ein kleiner Effekt bei allen Präsentationen bei den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern für besonderes Erstauen sorgte: Eine langatmige Sequenz war nur als Fast-Motion für die Abschlusspräsentation „vorführbar“ – und im Gegensatz zu den Beteiligten war vielen Zuschauenden nicht klar, wie sich ihre Mitschülerin im Film plötzlich so viel schneller bewegen konnte!
Hingegen fiel es den meisten Kindern sehr schwer, bei den Stop-Motion-Aufnahmen die Figuren immer nur ein kleines Stück zu bewegen bevor sie das nächste Foto aufnahmen. Dass die Bewegung erst in der Abfolge der Fotos als Film sichtbar wird, war für die Teilnehmenden ein sehr komplexer Vorgang, der nur bedingt über das Erklärvideo verständlich gemacht werden konnte. Hilfreicher war da ein kleiner farbiger Pappstreifen, mit dem die Kinder selbst den maximalen „Schritt“ ihrer Figur zwischen zwei Fotos messen konnten.

Papierstreifen zum Entfernungmessen für StopMotion

Fazit und Ausblick

Als Fazit lässt sich festhalten: Medienkompetenz kann nie abschließend erworben und über einen längeren Projekt-Zeitraum könnten die Themen tiefgreifender erarbeitet werden, aber das Projekt hat den (unter Praxisbedingungen) größtmöglichen Beitrag dazu geleistet; bei den Teilnehmenden, den Zuschauenden und auch in der Einrichtung. Wünschenswert wäre eine Fortsetzung für andere interessierte Schülerinnen und Schüler mit den ehemaligen Teilnehmenden als Expertinnen und Experten. Sowie eine spezielle Präsentation für die Fachkräfte der Schule und der Ogata über die Konzeption, Umsetzung und Fortführungs- bzw. Erweiterungsmöglichkeiten, um die Attraktivität des Einsatzes digitaler Medien aufzuzeigen.

Das Projekt könnte bspw. sehr gut „inklusiv“ erweitert werden, in dem ein (regelmäßiger) Austausch mit einer  „hörenden“ Gruppe, die ebenso Videos mit digitalen Medien erstellen, stattfindet – z.B. indem zuerst Videos hin- und hergeschickt werden und später auch an einem gemeinsamen Video gearbeitet wird. Zudem könnte die Videowerkstatt durch die Veröffentlichung von ausgewählten Produkten auf Videoportalen wie Vimeo oder der pädagogisch betreuten Kinder-Video-Plattform Juki erweitert werden. So erweitern die Teilnehmenden ihre Medienkompetenz auch hinsichtlich der bewussten Veröffentlichung von Daten und können zudem – z.B. über die Angebote von Juki – zur weiteren, begleiteten und förderlichen Auseinandersetzung mit Medien (Videos, Trickfilme, Internet-Community uvm.) in ihrer Freizeit angeregt werden.

Links und Infos

  • Berger, Andrea et al.: Web 2.0 / barrierefrei. Eine Studie zur Nutzung von Web 2.0 Anwendungen durch Menschen mit Behinderung. Bonn 2010. http://publikationen.aktion-mensch.de/barrierefrei/Studie_Web_2.0.pdf [Zugriff: 24.12.2014].
  • Bosse, Ingo: Menschen mit Behinderung in den Medien – Mittendrin oder außen vor? http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/medienpolitik/172759/menschen-mit-behinderung-in-den-medien?p=all [Zugriff: 22.12.2014].
  • Bosse, Ingo: Partizipation von Menschen mit Behinderungen. In: Lutz, Klaus; Rösch. Eike; Seitz, Daniel (Hrsg.): Partizipation und Engagement im Netz. Neue Chancen für Demokratie und Medienpädagogik. München 2012, S. 177-186.
  • Hoffmann, Bernward: Medienpädagogische Kompetenz in der Sozialen Arbeit. In: Cleppien, Georg; Ulrike Lerche (Hrsg.): Soziale Arbeit und Medien. Wiesbaden 2010, S. 55-69.
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: KIM-Studie 2014. http://www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf14/KIM14.pdf [Zugriff: 21.07.2015].
  • Niesyto, Horst: Digitale Ungleichheit bei der Nutzung von Medien. In: Schelhowe, Heidi et al.: Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur. Medienbildung für die Persönlichkeitsentwicklung, für die gesellschaftliche Teilhabe und für die Entwicklung von Ausbildungs- und Erwerbsfähigkeit. Bonn, Berlin 2010, S. 20.
  • Schluchter, Jan-René: Medienbildung mit Menschen mit Behinderung. München 2010, S. 129-136.
  • Stiftung digitale Chancen: Web 2.0 / barrierefrei. http://www.digitale-chancen.de/

content/downloads /index.cfm/aus.11/key.967/secid.13/secid2.137/arc.0 [Zugriff: 22.12.2014].

  • Jenkins, Henry: Confronting the Challenges of Participatory Culture. Media Education for the 21st Century. https://mitpress.mit.edu/sites/default/files/titles/free_download/97

80262513623_Confronting _the_Challenges.pdf [Zugriff: 24.11.2014].

Infos zur Autorin

Anne L. Bornkessel

  • Projektumsetzung als Studentin der Sozialen Arbeit (BA) an der FH Köln im 4. Semester
  • Konzeption und Begleitung im Rahmen eines 2-semestrigen Seminars „Digitale Medien in der Sozialen Arbeit“
  • in Kooperation mit einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation in der Bezirksregierung Köln
  • und dem Kinder- und Jugendhilfe-Verbund Rheinland gGmbH (als Träger des Offenen Ganztages)

 

 

 

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