2 Jungen fotografieren im Bad des Jugendtreffs Hillerheide

Sozialer Benachteiligung durch Medienbildung begegnen

Gastbeitrag von Dr. Anna-Maria Kamin und Heike Masan

Inklusion betrifft unseres Erachtens nicht nur physische Faktoren, vielmehr tragen unterschiedliche Faktoren dazu bei, bestimmte Personengruppen im Hinblick auf die gesellschaftliche Teilhabe auszuschließen und gegenüber anderen Gruppen zu benachteiligen. So gibt es eine Reihe von lebensweltbezogenen Umständen, die sich benachteiligend auswirken. Zu diesen gehören: Wohnlage, geringe ökonomische Mittel bzw. Armut, Herkunft/ Milieu/ Schichtzugehörigkeit und/ oder Migration (vgl. Kutscher et al. 2009, S. 48).

Soziale Benachteiligung geht leider häufig mit Bildungsbenachteiligung einher. So ist die soziale Herkunft der Kinder und Jugendlichen oftmals maßgeblich mit ihren Bildungserfolgen bzw. -misserfolgen verknüpft. Geringerer schulischer Erfolg, Lernschwierigkeiten bzw. niedriges Bildungsniveau sind in Deutschland vielfach auch durch soziale und wirtschaftliche Faktoren begründet (vgl. Prenzel 2008; Pant et al. 2012). Es existieren bereits hinreichend empirische Hinweise, dass die Bildungsbenachteiligung durch digitale Informations- und Kommunikationstechnologien verstärkt werden kann.

Digitale Kompetenzen üben gemäß des 21st century-skills-Ansatz (vgl. Voogt et al. 2011) eine Schlüsselfunktion für das Individuum aus, da ein kompetenter Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien von hoher Relevanz in der Wissens- und Informationsgesellschaft ist. Ferner ist es zentral für Ausbildung, Studium und Erwerbstätigkeit medial vermittelte Informationen zu verstehen, zu nutzen und zu kommunizieren. Wenn diesbezüglich in Kindheit und Jugend Defizite vorhanden sind, wirkt sich das auch in Bezug auf die spätere gesellschaftliche Teilhabe aus.

Paderborner Recycling PC-ProjektMit dem pb.re.pc Projekt (Paderborner Recycling-PC-Projekt) stellen wir ein Kooperationsprojekt vor, welches sich zum Ziel setzt, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche (zwischen 8 und 14 Jahren gelegentlich nehmen auch ältere Jugendliche teil) hinsichtlich ihrer Teilhalbe an digitalen Lernwelten zu unterstützen. Das pb.re.pc Projektteam, bestehend aus ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern des MTKJ (Medien und Technik für Kinder und Jugendliche) e. V. und Lehrenden des Arbeitsbereiches Medienpädagogik und empirische Medienforschung der Universität Paderborn, kooperiert mit verschiedenen Einrichtungen und Verbänden, wie z. B.: dem Jugendamt der Stadt Paderborn, der Computerbibliothek, dem OIKOS Paderborn, dem foobar e. V. aus Essen, sowie weiteren regionalen Wohlfahrtsverbänden und -vereinen (Paderborner Tafel e.V.; Diakonie Paderborn-Höxter, Ortscaritas Paderborn). Die Kinder, die an dem Projekt teilnehmen, erhalten einen vom MTKJ e. V. recycelten Computer, der mit Open-Source-Software (Linux, Firefox, etc.) und entsprechendem Zubehör (Monitor, Tastatur, Maus) ausgestattet ist. Die Geräte stammen aus zahlreichen Spenden von Unternehmen, Behörden und Privathaushalten.

Mit unserem Projektvorhaben verfolgen wir einerseits ökologische Perspektiven und andererseits die Ambition, medienpädagogische Praxis in die universitäre Ausbildung zu integrieren. Bevor die Kinder einen gespendeten Computer erhalten, nehmen sie zuvor an einer von Studierenden und Vereinsmitgliedern konzipierten und durchgeführten medienpädagogischen Schulung teil und erwerben somit wertvolle Kompetenzen im Umgang mit Computer und Internet.

Die Auswahl der für das Projekt in Frage kommenden Kinder erfolgt durch das Jugendamt der Stadt Paderborn und durch die beteiligten Wohlfahrtseinrichtungen. Die Studierenden aus dem Studiengang ‚Bachelor of Education‘ (Lehramt) führen die Schulung im Rahmen eines Pflichtpraktikums durch. Sie haben somit die Gelegenheit ihre Medien- und Unterrichtskompetenz zu erweitern. An vier Samstagen erhalten die teilnehmenden Kinder und Jugendliche Grundlagenwissen und Übungsmöglichkeiten zum Umgang mit Computer und Internet. Im Vordergrund steht hier der gewinnbringende Einsatz digitaler Medien zu Lernzwecken. Die Nachhaltigkeit im Bereich der Bildung wird durch die Kooperation mit der Computerbibliothek gesichert. Für den Themenbereich der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit konnte der OIKOS Paderborn gewonnen werden, was den Kindern und Jugendlichen einen erweiterten Wissenshorizont auf ihren PC ermöglicht.

Unsere anfänglichen Bedenken, dass die Wochenendschulungen von den Kindern und Jugendlichen nicht angenommen werden, sind schnell verflogen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben uns jedes Mal die Rückmeldung, dass Sie gerne zu den Schulungen kommen; meist bedauern sie es, dass es keine weiterführende Veranstaltung gibt. Als besonders bereichernd hat sich herausgestellt, dass die Praktikantinnen und Praktikanten als Vorbilder für einen akademischen Bildungsweg fungieren, insbesondere wenn die Studierenden und teilnehmenden Kinder und Jugendlichen aus gleichen bzw. ähnlichen Kulturkreisen stammen. Ebenso erfahren wir auch von Seiten der Eltern eine hohe Verbindlichkeit und Akzeptanz, diese reicht von der Anmeldung, über die Begleitung zur Schulung bis zur vereinbarten Abholung des Computers. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auch Eltern aus sozial benachteiligten Milieus sich für die Bildungschancen ihrer Kinder sehr engagieren.

Literatur:

  • Kutscher, Nadia; Klein, Alexandra; Lojewski, Johanna; Schäfer, Miriam (2009): Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen. Konzept zur inhaltlichen, didaktischen und strukturellen Ausrichtung der medienpädagogischen Praxis in der Kinder und Jugendarbeit. Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LFM). Düsseldorf.
  • Pant, Hans Anand; Stanat, Petra; Schroeders, Ulrich; Roppelt, Alexander, Siegle,Thilo, Pöhlmann, Claudia (Hrsg.) (2012): IQB-Ländervergleich 2012 Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I. Münster; München [u.a.]: Waxmann.
  • Prenzel, Manfred (2008): PISA 2006 in Deutschland. Die Kompetenzen der Jugendlichen im dritten Ländervergleich. Münster ; München [u.a.]: Waxmann.
  • Voogt, Joke (2012): Are teachers ready to teach in the knowledge society? Considerations based on empirical findings. In: Renate Schulz-Zander, Birgit Eickelmann, Heinz Moser, Horst Niesyto und Petra Grell (Hg.): Jahrbuch Medienpädagogik 9. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwiss., S. 17–28.

Ausführliche Beschreibung des Projektverlaufs:

  • Kamin, Anna-Maria; Masan Heike (2012): Das Paderborner-Recycling-PC Projekt (pb.re.pc) für benachteiligte Kinder – Inklusion durch digitale Teilhabe. In: Bosse, I. (Hrsg.) Medienbildung im Zeitalter der Inklusion – Theorie und praktische Umsetzung. LfM-Dokumentation Band 45, S. 127-132.
  • Kamin, Anna-Maria; Meister, Dorothee M. (2012): Bildungschancen eröffnen durch inklusive Medienbildung. Das Paderborner Recycling-Projekt (pb.re.pc). In: Ludwigsburger Beiträge zur Medienpädagogik. Schwerpunkt „Medienpädagogik und Inklusion“ Ausgabe 15/2012. Online verfügbar unter: https://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/ subsites/1b-mpxx-t-01/user_files/Online-Magazin/Ausgabe15/ Kamin_Meister15.pdf.