Lesen digital: Das iPad in Leselernprozessen. Von Corinna Lohmann

Kinder lernen mit dem iPad

 

 

 

 

 

 

 

 

Tablets und Apps lassen sich nicht nur für die kreative Medienarbeit einsetzen, sondern eignen sich auch zur Förderung, zum Beispiel von Lesekompetenz. Einige Apps haben wir im Beitrag „Barrierefreie Lernsoftware und Apps für inklusives Lernen, Teil 3: Lesen, Schreiben, Rechnen“ vorgestellt. Corinna Lohmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU Dortmund und Inklusions-Scout befasst sich mit diesem Thema aus inklusionsdidaktischer Perspektive im Rahmen der Lehramtsausbildung. Sie stellt in diesem Beitrag einige ausgewählte Apps zur Leseförderung von leseschwachen Schülerinnen und Schülern vor und beschreibt das Seminarkonzept, in dem diese Apps von Lehramtsstudierenden in einem Kooperationsprojekt an einer Grundschule eingesetzt wurden. Welchen Nutzen bringen die Apps und wo sind die Grenzen?

Apps für die Leseförderung

Im Rahmen der Leseförderung sollen im weiter unten beschriebenen Seminar – neben analogen Medien – verschiedene (Lese-) Apps eingebunden werden, die verschiedene Teilprozesse des Lesens fördern. Die Studierenden werden dazu intensiv im Rahmen von drei Blocktagen freitags und samstags vorbereitet und gehen danach einmal wöchentlich an die Schule, um die Förderung durchzuführen. Folgende iPad-Apps werden genutzt:

  • Auf Wortebene können beispielsweise über die Apps Leseratte und Conni Lesen die einfache Wort-Bild-Zuordnung geübt und somit das Wortverständnis unterstützt werden. Die Erweiterung des Itempools innerhalb der App Leseratte und auch eine differenzierte Betrachtung einzelner Anlaute und Buchstabengruppen sind über den Einstellungsmodus möglich (auch eigene Fotos können hier erstellt und ergänzt werden).
  • Der Einsatz der Silbentrainer-App von Marc Sockel kann über verschiedene Übungs- und Aufgabenformate den Automatisierungsprozess und die Erweiterung des Sichtwortschatzes unterstützen, indem der Zugriff auf die Repräsentationen im mentalen Lexikon gestärkt wird. Hierbei kann innerhalb der schlicht gestalteten App zum Beispiel geübt werden, Silbengrenzen richtig einzutragen, was auch die Synthese auf Silben- und Wortebene im Leseprozess unterstützen kann.
  • Etwas umfassender gestaltet sind die Apps Appolino Lesen, Zebra Lesen 2 und Pusteblume 2. Hier können Übungen auf  Wort-, Satz-, und Textebene im Bereich des Leseverständnisses durchgeführt werden, wobei innerhalb dieser Apps auch viele bildliche und auditive Elemente eingebunden sind, die den Leseprozess unterstützen können. Hierbei kann es zum Beispiel die Aufgabe sein, einen bestimmten Satz zu lesen und die entsprechende Situation in einem „Wimmelbild“ wieder zu finden.
  • Mit Hilfe der Bipacours-App könnten analoge und digitale Leseprozesse kombiniert werden. Innerhalb einer selbst gestalteten, digitalen Rallye kann z.B. ein Lesebattle angelegt werden, bei dem zwei Lernende gegeneinander antreten und verschiedene Lesespiele finden müssen, wie z.B. ein Lesebingo. Für jedes gewonnene Spiel gibt es einen Punkt.

Mögliche Einsatzszenarien

Die Förderung im Rahmen des unten genauer beschriebenen Seminars erfolgt in einem 1:1-Setting an einer Kooperationsschule über insgesamt zehn Wochen, damit die Studierenden individuell auf den jeweiligen Schüler bzw. die jeweilige Schülerin eingehen können. Es wäre jedoch ebenfalls eine Umsetzung in Freiarbeitsphasen im Unterricht denkbar, in denen auch zwei Schüler gemeinsam an den Leseapps arbeiten könnten. Weitere Potenziale von (Lese-) Apps werden außerdem im häuslichen Üben gesehen (vgl. Ritterfeld & Starke 2016, S. 87), wodurch schulisches und außerschulisches Lernen miteinander verzahnt werden könnten, da davon auszugehen ist, dass nahezu alle Haushalte der 6-13-jährigen über Smartphones (98%) oder Tablets (28%) verfügen (vgl. MPFS 2017, S. 8)

Ergebnisse und Ausblick

Insgesamt konnte eine hohe Motivation bei nahezu allen Schülerinnen und Schülern festgestellt werden, die sich vor allem im Bereich der Leseflüssigkeit verbesserten. Angehende Deutschlehrkräfte erhielten Anregungen zur Einbindung von Apps für den Unterricht. Es zeigen sich in der Praxis jedoch auch einige Schwierigkeiten bei einigen Apps, wie z.B. bei der Verwendung von komplexeren Wörtern (z.B. Okapi in der Appolino-App) oder einer Stoppuhr innerhalb der App Pusteblume 2, die nicht ausgestellt und für Lesende mit geringer Lesegeschwindigkeit demotivierend sein kann. Des Weiteren zeigt sich, dass bisher vorrangig Apps für die 1. und 2. Klasse auf dem Markt sind, die bezüglich der Aufgabenzusammensetzung nicht unbedingt für Schülerinnen und Schüler der Klassen 3 und 4 geeignet sind (auch wenn Förderbedarf im Lesen besteht). Die Apps bieten häufig zu wenig Übungsmaterial, um sie im Rahmen eines regelmäßigen Übungsprozesses nutzen zu können (vgl. Sauerborn 2017, S. 75). Insgesamt wird der Nutzung von Apps jedoch großes Potenzial zugesprochen, da diese differenzierte Lernangebote darstellen können, die aufgrund ihrer multimodalen Aufbereitung (vgl. Wiesner & Fischer 2015) vor allem leseschwache Schülerinnen und Schüler unterstützen können. Auch durch die Einbindung bestimmter Gamification-Elemente (z.B. Belohnungssysteme) könnten Apps einen besonders motivierenden Charakter haben, die die Motivation Lesen zu üben erhöht (Ritterfeld et al. 2016). Somit gilt es nach wie vor im Blick zu behalten, welche (Lese-)Apps auf den Markt kommen, wie genau diese gestaltet sind und welche sich für die Praxis eignen.

Zielgruppe und Einordnung des Projekts

Das Seminar „Tablets zur Förderung der Lesefähigkeit nutzen“, welches von der Autorin in der Lehrerausbildung der TU Dortmund am Institut für deutsche Sprache und Literatur angeboten wird, ist eingebettet in das Drittmittelprojekt „Inklusive Medienbildung in der Grundschule“. Dazu wurde eine Kooperation zwischen der Forschungsstelle Jugend-Medien-Bildung (Leitung: Prof. Dr. Marci-Boehncke) und einer inklusiv arbeitenden Dortmunder Grundschule initiert, die mit dem gesamten Kollegium und den Klassen 1–4 teilnimmt. Gefördert wird das Gesamtprojekt durch das Dortmunder Netzwerk Medienkompetenz (DoNeM e.V.) sowie DoProfiL im Rahmen der Qualitätsoffensive LehrerInnenbildung.

Im Rahmen der Schulentwicklung im Bereich der Lese- und Medienkompetenz wurde die Medienausstattung der Grundschule um 30 iPads, Apple TV sowie ein Activeboard erweitert. Die neuen Geräte werden dazu seit Anfang 2016 u. a. unterstützend von Studierenden der TU Dortmund im Rahmen von Projekten eingesetzt, welche jedes Semester in zwei unterschiedlichen Seminaren entwickelt werden:

1. Im Seminar „Digitales Arbeiten mit heterogenen Lerngruppen“ steht der Ansatz der aktiven Medienarbeit (vgl. Schluchter 2014) im Vordergrund. Die Studierenden bereiten Lernsettings für Klassen vor, in denen kreativ und produktiv mit digitalen Medien gearbeitet wird. In Kleingruppen werden gemeinsam mediale Produkte (z.B. Comic, Video) erstellt. Digitale Medien sollen die Zusammenarbeit zwischen den Schülern/-innen unterstützen (vgl. Ebel 2017, S. 13).
2. Im Rahmen von zwei aufeinander aufbauenden Seminaren wird versucht, die Diagnose und Förderung von (digitalem) Lesen zu verknüpfen. Dabei geht es im ersten Seminar, welches immer im Wintersemester durchgeführt wird, um eine differenzierte Erfassung der Leseflüssigkeit, des Leseverständnisses und der Lesemotivation in Form einer Statusdiagnostik, welche von den Studierenden in mehreren Klassen der Kooperationsschule durchgeführt wird. Das zweite Seminar „Tablets zur Förderung der Lesefähigkeit nutzen“ im Sommersemester knüpft dann unmittelbar an die Diagnoseergebnisse aus dem ersten Seminar an. Dazu werden im Austausch mit den Klassenlehrerinnen leseschwache Schüler/-innen ausgewählt, die eine zehnwöchige, individuelle Förderung erhalten, die von den Lehramtsstudierenden eigenständig geplant und durchgeführt wird. In den Förderprozess sollen dann verschiedene (Lese-)Apps von den Studierenden eingebunden werden.

Links, Infos, Tipps

Einen ersten Überblick sowie Kriterien für die Bewertung von verschiedenen (Lese-) Apps, die von Grundschülerinnen und -schülern genutzt werden können, finden Sie z.B. hier:

Detailliertere Informationen zum Projekt finden Sie hier:

  • Lohmann, C., Trapp, R. & Marci-Boehncke, G. (2017): Welche Potenziale bieten iPads zur Leseförderung? – Ein Projekt der Aktionsforschung zur Verzahnung von Lehrerausbildung und Schulentwicklung in der Grundschule. In: Peschel, Markus (Hrsg.): Forschung für die Praxis. „Beiträge zur Reform der Grundschule.“ Nr. 143. S. 31-43.
  • Lohmann, Corinna (2018) „App geht´s: Tablets zur Förderung der Lesefähigkeit nutzen.“ In: Greiten, Silvia; Geber, Georg; Gruhn, Annika & Köninger, Manuela (Hrsg.): „LehrerInnenbildung für Inklusion – Hochschuldidaktische Fragen und Konzepte“. Münster: Waxmann. S. 242-254 (in Druck).

Literaturverzeichnis:

  • Richter, T./Naumann, J./Isberner, M.-B./Kutzner, Y. (2011): Diagnostik von Lesefähigkeiten bei Grundschulkindern: Eine prozessorientierte Alternative zu produktorientierten Tests. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung Heft 4-2011, S. 479-486.
  • Ritterfeld, U., Starke, A. & Mühlhaus, J. (2016): Digitale Applikationen in der (Zweit-)Sprachförderung von Grundschulkindern: Möglichkeiten und Grenzen. In: merz Wissenschaft 2016/06: Digitale Spiele. S. 85-96.
  • Schluchter, J.-R. (2014): Medien, Bildung und Inklusion – (Rahmen)Curriculare Perspektiven für die Lehrerbildung. In: Imort, Peter/ Niesyto, Horst (Hrsg.): Grundbildung Medien in pädagogischen Studiengängen. München: kopaed. S. 351-363.
  • Starke, A./ Mühlhaus, J./ Ritterfeld, U. (2016). Neue Medien in Therapie und Unterricht für Kinder mit dem Förderschwerpunkt Sprache. Praxis Sprache, 61, 28-32.
  • Wiesner, E. & Fischer, C. (2015): myPad multimodal – Sprachliches Lernen mit Tablets in der Schuleingangsstufe. In: Möbius, T. (2015): Tablets im Deutschunterricht. Forschungsperspektiven – Unterrichtsmodelle. S. 38-54.

Infos zur Autorin

Lohmann, Corinna, M.Ed. hat ein Lehramtsstudium für Grundschulen und Sonderpädagogik absolviert und ist seit Anfang 2014 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dortmund beschäftigt. Dort arbeitet sie seit Anfang 2016 im Projekt „DoProfil“/“DoNeM“ am Institut für deutsche Sprache und Literatur/DoKoLL, bei dem es um die Ausgestaltung, Weiterentwicklung und Beforschung inklusionsorientierter Lehrerbildung geht.

Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Leseförderung und -diagnostik unter Einbezug von digitalen Medien sowie der Erprobung von möglichen Potenzialen dieser zur Ausgestaltung inklusiver Lernprozesse. Sie ist außerdem als Inklusionsscout im Netzwerk Inklusion mit Medien tätig und leitet das Bethel-Leseprojekt am Institut für deutsche Sprache und Literatur, welches von Lehramtsstudierenden für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung ausgerichtet wird.

Kontakt

corinna.lohmann@tu-dortmund.de

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