„Begegnungen” – Inklusives Filmprojekt mit Jugendlichen mit und ohne Down-Syndrom – Ein Gastbeitrag von Annika Müller

"Schürrle" interviewt "Cro": Dreharbeiten bei einem inklusiven FilmprojektDas Projekt „Begegnungen“ wurde im März 2013 im Rahmen einer Masterarbeit im Studienfach Erziehungswissenschaft (Schwerpunkt Medienpädagogik) der Universität Mainz eigenständig konzipiert und durchgeführt. Als Kooperationspartner erklärte sich der Elternkreis Down-Syndrom Mainz e.V.  bereit, über den auch der erste Kontakt zur Projektzielgruppe stattfand und der die Räumlichkeiten zu Verfügung stellte. Die Technik wurde über den Landesfilmdienst Rheinland-Pfalz e.V. ausgeliehen. Am Filmworkshop nahmen insgesamt sechs Jugendliche im Alter von 13 – 14 Jahren teil, davon drei mit und drei ohne Down-Syndrom, die eine gemeinsame integrative Klasse besuchten. Um die Merkmale des Syndroms sowie die Teilnehmer besser kennenzulernen, fanden bereits vor Projektstart Treffen mit den Jugendlichen statt, sodass erste Hemmschwellen abgebaut werden konnten.  Zur Unterstützung und Dokumentation des Filmprojekts wurde eine Assistentin hinzugezogen.

Im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung wurde das Projekt wissenschaftlich ausgewertet und überprüft, inwieweit sich Fred Schells Konzept der handlungsorientierten Medienpädagogik auf die aktive Medienarbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung übertragen lässt.

Schell legt mit seinem Konzept den Fokus auf das Individuum, das gesellschaftliche Abhängigkeiten und Fremdbestimmungen erkennen und diese auf das eigene Denken und Handeln transferieren soll. Neben der Emanzipation des Individuums, zählen Mündigkeit sowie die Herstellung authentischer Erfahrung zu den obersten Leitzielen einer handlungsorientierten Medienpädagogik (vgl. Schell 2003, 29/36). Voraussetzungen hierfür sind Handlungskompetenzen sowie kognitive und kommunikative Kompetenzen, ob verbal oder non-verbal. Sind diese Kompetenzen nicht gegeben, können die pädagogischen Ziele in der Regel nicht oder nur sehr schwer erreicht werden. Gerade im Hinblick auf geistige Behinderungen sollte immer bewusst bleiben, dass nicht alle Menschen dazu fähig sind, selbstbestimmt zu leben, sich kommunikativ zu äußern und Medienkompetenz zu erlangen, da einige Teilbereiche der Medienkompetenz wie beispielsweise die Dimension der Medienkritik ein hohes Maß an kognitiven Fähigkeiten
abverlangen (vgl. Schluchter 2010, 73f.). Basierend auf diesem Gedanken erfolgte eine hohe Flexibilität in der Konzeptausarbeitung und Methodenauswahl.

Projektziele

Das Projekt sollte primär subjekt- und prozessorientiert angelegt sein, indem den Jugendlichen ermöglicht werden sollte, sich mit ihren eigenen Interessen und Anliegen auseinanderzusetzen und diese in den Produktionsprozess mit einfließen zu lassen. Zudem sollte den Teilnehmern die kreativ produktive aber auch reflexive Arbeit mit Film näher gebracht werden.

Ein ebenfalls bedeutendes Ziel bestand in der Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenz durch die Arbeit im Team. Dies sollte bereits mit der Einigung auf ein gemeinsames Thema bzw. einer Geschichte beginnen und später in der Ausarbeitung eines Drehplans fortgesetzt werden.

Im Sinne des Inklusionsgedankens war eine chancengleiche Teilhabe der sechs Jugendlichen am Produktionsprozess sehr wichtig, indem ihnen Handlungs- und Erfahrungsräume eröffnet wurden, die ihnen Kreativität und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe in Form von Medienkompetenz mit auf den Weg geben und sie möglichst selbstbestimmt im Sinne des Empowerment-Gedankens (vgl. ebd., 51) handeln lassen sollten.

Projektverlauf

Storyboard im Rahmen eines inklusiven FilmprojektsDas Projekt war auf insgesamt vier Tage à vier Stunden in den Schulferien angelegt. Der erste Projekttag gestaltete sich zunächst aus einer kleinen Begrüßungs- und anschließend Kennenlernrunde mit Kamera. In einer zweiten Kameraübung bekamen die Jugendlichen Einblicke in die Tricks des Films in Form von kleinen Stoptrick-Übungen. Durch die unmittelbare Sichtung im Anschluss wurde die Arbeit transparent und greifbar.

Ziel des zweiten Projekttages war die gemeinsame Entwicklung einer Geschichte sowie eines Drehplans. Darum fand zunächst ein Brainstorming zu Figuren bzw. Vorbildern aus dem Alltag oder den Medien statt, die die Jugendlichen schon immer einmal verkörpern wollten. Anschließend wurden die Figuren in einer Geschichte mit dem Titel „Tatort: Talentshow“ vereint.

Ein Storyboard mit groben Skizzen und Angaben zu Szeneninhalten, Kameraeinstellungen sowie den jeweiligen Darstellern half den sechs Jugendlichen sich die Geschichte besser visuell vorstellen zu können.

Am dritten und vierten Projekttag wurde schließlich mit leicht bedienbaren Camcordern chronologisch gedreht, was den Vorteil hatte, dass der Aufbau des Films ersichtlicher war und jeder wusste, welche Szene als nächstes an der Reihe war.

Nach Drehschluss und einer gemeinsamen Sichtung des Gesamtmaterials fand zum Abschluss des Projekts eine ausführliche Feedbackrunde statt, in der die Jugendlichen Erfahrungen austauschen und Anmerkungen loswerden konnten.
Die Postproduktion wurde unter anderem aus zeitlichen Gründen durch die Projektleitung umgesetzt.

Den Höhepunkt des Projekts stellte schließlich die Filmpremiere mit Familien und Freunden einige Wochen später dar, da die Präsentation des Films den Jugendlichen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Anerkennung gab. Als kleine Überraschung wurde noch ein kurzer Making-of-Film gezeigt, der einen kleinen aber eindrucksvollen Einblick in die Entstehung des Projektfilms gab.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die angestrebten Ziele weitestgehend erreicht wurden: zum einen die Ermöglichung einer chancengleichen Arbeit an einem Produkt und zum anderen die aktiv kreative Auseinandersetzung mit dem Medium Film.

Es ließ sich immer wieder beobachten, dass die drei Jugendlichen ohne Down-Syndrom den Teilnehmern mit Down-Syndrom immer wieder helfend zur Seite standen, was den Teamgeist enorm stärkte.

In Bezug auf die kognitiven Fähigkeiten der Teilnehmer ließen sich jedoch auch große Unterschiede  beobachten. Gerade in der Themenfindungsphase sowie bei der Entwicklung der Geschichte fiel auf, dass die Vorschläge primär von den drei Jugendlichen ohne Down-Syndrom kamen. Dennoch konnten alle sechs Teilnehmer gemäß ihrer Handlungsmöglichkeiten in das Projekt miteinbezogen werden und unterschiedliche Rollen erproben.

Konzeptionelle Prinzipien für inklusive Medienprojekte mit Menschen mit geistiger Behinderung

Das Projekt hat verdeutlicht, dass Lernprinzipien sowie Projektstrukturen flexibel und individuell auf die Handlungsmöglichkeiten der Teilnehmer abgestimmt werden sollten. Demnach lässt sich sagen, dass es kein Patentrezept für (inklusive) handlungsorientierte Medienprojekte gibt, da nicht jeder Mensch aufgrund sozial-struktureller sowie physischer und psychischer Barrieren gleichermaßen dazu in der Lage ist, selbstbestimmt zu denken und zu handeln und demnach Medienkompetenz zu erwerben. Schells Konzept der handlungsorientierten Medienpädagogik lässt sich darum in der  Praxis nicht auf alle Menschen übertragen.

Dennoch gibt es einige Punkte, die bei der Durchführung inklusiver Praxisprojekte berücksichtigt werden können:

  • Individuelle Medienkompetenzförderung (Adressatenorientierung)
  • Chancengleichheit / Empowerment
  • Leicht verständliche bildliche Sprache
  • Anschlusskommunikation und -visualisierung
  • Lange theoretische Einheiten vermeiden
  • Regelmäßige (Bewegungs-) Pausen
  • Abbau von Vorurteilen
  • Ggfs. qualifizierte Fachkräfte zur Hilfe hinzuziehen

Werden diese Aspekte weitestgehend berücksichtigt, können inklusive Medienprojekte Themen behinderter sowie nicht behinderter Menschen in einem gemeinsamen Medienprodukt vereinen, zur Partizipation verhelfen und somit einen Beitrag zur Toleranzstärkung in Bezug auf das Thema „Behinderung“ leisten.

Literatur

  • Schell, Fred (Hg.) (2003): Aktive Medienarbeit mit Jugendlichen. Theorie und Praxis, 4. unveränd. Aufl., München.
  • Schluchter, Jan-René (2010): Medienbildung mit Menschen mit Behinderung. München: kopaed (Medienpädagogische Praxisforschung, 5).

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