Weiterbildung “Inklusive Medienpädagogik” – Wer macht mit und warum? Teil II: Julia Reichert

Julia ReichertInterdisziplinarität ist eines der wesentlichen Merkmale unserer Weiterbildung “Inklusive Medienpädagogik”: Hier versammeln sich Medienpädagog/innen, Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Sozial- und Förderpädagog/innen. Zwar ist es nicht immer einfach, den unterschiedlichen Wissensbedarfen gerecht zu werden, doch die Vielfalt ist Programm: Denn unserer Meinung nach lassen sich inklusive Projekte nur verwirklichen, wenn sich verschiedene Professionen austauschen und zusammenwirken. In dieser Serie wollen wir einige der Teilnehmenden vorstellen und zeigen, wie bunt, vielfältig und interessant diejenigen sind, die Inklusion mit Medien voranbringen wollen. Nach Regina Klinkenberg stellen wir Julia Reichert vor, Schulsozialarbeiterin in Köln.

1. Wer bist du? (und wenn ja wieviele? :-))

Ich bin Julia Reichert, 35 Jahre alt und lebe seit 10 Jahren in Köln. Als Schulsozialarbeiterin muss man tatsächlich in vielen Rollen agieren. Deshalb passt “und wenn ja wieviele” eigentlich ganz gut!

2. Dein Motto?

“Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht”

3. Welchen beruflichen bzw. projektemäßigen Hintergrund hast du?

Ich bin Diplom-Sozialpädagogin und habe, nach einem Abstecher als Arbeitsvermittlerin im JobCenter, die meiste Berufserfahrung in der „Schulsozialarbeit“ gesammelt.

4. Wo siehst du deinen gegenwärtigen Erfahrungsschwerpunkt – Auf der Seite der Medien, der Menschen mit Behinderung oder ganz wo anders?

Ich arbeite mit lernbehinderten Kindern und Jugendlichen von Klasse 1 – 10 und würde sagen, dass ich schwerpunktmäßig Gruppen- und Klassenangebote mache. In Klassen mache ich Soziales Lernen, führe den Klassenrat ein oder biete Einheiten zu z. B. (Cyber-)Mobbing an. Mit Mädchengruppen mache ich Selbstbehauptungstraining. Im Nachmittagsbereich biete ich Soziale Gruppenarbeit an, in der das Erlernen von sinnvoller Freizeitgestaltung im Vordergrund steht. Ansonsten akquiriere ich auch oft Gelder und koordiniere Projekte für weitere Gruppen, z. B. Tanzprojekt, Handwerkerinnenhaus für Mädchen und Handwerksprojekt für Jungen.

5. Welche Visionen hast du in Bezug auf eine inklusive Gesellschaft?

Ich wünsche mir mehr Durchhaltevermögen und Lockerheit im Umgang mit “Unterschiedlichkeit”. Dafür benötigen wir alle mehr Neugier und Interesse an anderen Menschen. Und eine Menge Geduld.

6. Welchen Beitrag können deiner Meinung nach Medien leisten, Inklusion voranzubringen? Und warum?

Medien halten Themen aktuell und tragen zur Meinungsbildung bei. Ich wundere mich immer wieder, wie manche hochbrisanten Themen plötzlich aus den Medien verschwinden und ich sofort das Gefühl habe, dass es dann ja nicht mehr so schlimm/ wichtig sein kann.

7. Wo liegen deiner Meinung nach „die Grenzen der Inklusion“? Können auch Medien eher kontraproduktiv wirken in Bezug auf eine inklusive Gesellschaft? Was siehst du noch kritisch und kontrovers?

Inklusion stößt an ihre Grenzen wenn sie nicht gut vorbereitet wird. Ich habe gerade einen WDR-Bericht über eine Kölner Schule gesehen. Angeblich DIE Schule, die in Köln als Erste mit Inklusion begann. Die Lehrer sagen, dass weder die Regelschullehrer noch die Förderschullehrer vorher fortgebildet wurden. Man praktizierte „Learning by doing“ und wunderte sich dann, dass Inklusion zunächst einmal nur so aussah: der Regellschullehrer macht den Hauptunterricht und die Förderschullehrer kümmern sich um die „Inklusionsschüler“. Immerhin hat die Schule aus dem ersten Versuch gelernt.

Würde die Berichterstattung nach dem ersten Versuch stehenbleiben, würde man davon ausgehen, dass Inklusion nicht funktionieren kann. So haben Medien eine gewisse Macht zu suggerieren, ob ein neues Konzept funktioniert oder nicht.

Ich frage mich oft, wenn ich nicht nur an Inklusion in der Schule denke, wie eine inklusive Gesellschaft entstehen kann, wenn ich selbst auch z. B. nicht in Chorweiler (Sozialer Brennpunkt) wohnen möchte.

8. Gibt es ein „Schlüsselerlebnis“ in deiner Biographie, das dich dazu motiviert, dich mit dem Thema „Inklusion“ auseinanderzusetzen?

Theoretisch gäbe es schon frühere Auslöser, z. B. psychische Erkrankungen in der Verwandtschaft und ein kleinwüchsiger Onkel. Letztendlich sind es aber die Veränderung der Schullandschaft und die damit einhergehende Veränderung meines Arbeitsfeldes, die mich dazu bewogen haben, mich mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen.

9. Was hat dich dazu motiviert, an der Weiterbildung teilzunehmen?

Ich bin nicht so der Typ, der dann gerne ein Buch wälzt, sondern ich möchte mich praktisch betätigen.

10. Wie erlebst du die Weiterbildung zum jetzigen Zeitpunkt – Inhalte, Leute, Dozenten?

Ich finde die Inhalte spannend. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Inklusion“, ganz praktisch z.B.: „Wie komme ich mit so einer gemischten und mich herausfordernden Gruppe klar“ aber auch die technische Seite, die für mich als Nicht-Medienpädagogin aber nur eine Einführung sein kann. Ich entdecke, was man im medienpädagogischen Bereich alles machen kann und sicherlich werde ich das eine oder andere für mich noch vertiefen.

11. Hast du bereits eine Projektidee?

In Kooperation mit dem Jugendamt Köln Nippes habe ich an meiner Schule eine Soziale Gruppenarbeit nach §29 SGB VIII ins Leben gerufen. Die momentan 11 Jugendlichen mit dem Förderbedarf Lernen sind zwischen 12 und 15 Jahren und haben ganz unterschiedliche Hintergründe, zusammengefasst sage ich mal, dass sie „benachteiligt“ sind. In der Gruppe erfahren sie Struktur und Zusammenhalt und finden raus, wie man zusammen seine Nachmittage verbringen kann. Die Jugendlichen sollen eine schöne Gruppenerfahrung haben und dazu tragen die 3 Honorarkräfte, die durch das Jugendamt finanziert werden, und ich bei. Mit dieser Gruppe soll das „inklusive Projekt“ starten.

Ich stelle es mir so vor, dass wir uns abwechselnd mit einer anderen Gruppe, z. B. der Übermittagsbetreuungsgruppe eines Jugendzentrums insgesamt 4 Mal zum Essen (3-Gänge-Menü) einladen. Während der Essensvorbereitung, dem Kochen, dem gemeinsamen Essen werden ganz viele Fotos geknipst. Die besuchende Gruppe kann auch Fotos machen, z.B. vom Hin- und Rückweg. Bei den ersten vier Treffen können alle Jugendlichen teilnehmen. Ich denke, dass wir dann so ca. 20 sein werden. Bei den technischen Treffen verarbeiten jeweils ca. 5 Abgesandte aus beiden Gruppen die Fotos. Verwendet wird zum Beispiel das Fotoprogramm Comic-Life und entstehen wird dann hoffentlich ein Koch- und Erinnerungsbuch, das an einem letzten gemeinsamen Termin präsentiert und verteilt wird.

12. Wie bewertest du die Umsetzbarkeit?

Zum jetzigen Zeitpunkt bewerte ich die Umsetzbarkeit als realistisch, da alle bis jetzt involvierten Mitstreiter ganz offen für meine Ideen sind. Das hoffe ich doch auch von den Jugendlichen, wenn wir die Projektidee durchführen wollen.

13. Wenn du keinerlei Begrenzungen hättest (in Bezug auf Geld, Ausstattung, Zeit, Kooperationspartner etc.) – Welches Projekt würdest du gerne umsetzen?

Ich habe im letzten Jahr eine tanzpädagogische Weiterbildung gemacht, die ich auch gerne einfließen lassen würde. Vielleicht ein Tanzprojekt mit behinderten und nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen und dabei entsteht ein Dokumentationsfilm?! Eine Gruppe würde mit einer Tanzpädagogin tanzen, die andere würde sich mit einer Medienpädagogin um die Dokumentation kümmern und ich würde koordinieren.

14. Gibt es sonst noch etwas, was dir wichtig zu sagen ist?

Ich freue mich auf die Durchführung des Projekts :-)!

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