Weiterbildung “Inklusive Medienpädagogik” – Wer macht mit und warum? Teil I: Regina Klinkenberg

Regina Klinkenberg im ZeltInterdisziplinarität ist eines der wesentlichen Merkmale unserer Weiterbildung “Inklusive Medienpädagogik”: Hier versammeln sich Medienpädagog/innen, Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und Förderpädagog/innen. Zwar ist es nicht immer einfach, den unterschiedlichen Wissensbedarfen gerecht zu werden, doch die Vielfalt ist Programm: Denn unserer Meinung nach lassen sich inklusive Projekte nur verwirklichen, wenn sich verschiedene Professionen austauschen und zusammenwirken. In dieser Serie wollen wir einige der Teilnehmenden vorstellen und zeigen, wie bunt, vielfältig und interessant diejenigen sind, die Inklusion mit Medien voranbringen wollen. Den Anfang macht Regina Klinkenberg, Gastautorin des Beitrags “Inklusion mit Stolpern”.

1. Wer bist du? (und wenn ja wieviele? :-))

Regina Klinkenberg, 55 Jahre alt, zwei erwachsene Kinder, seit zwei Monaten mi dem Vater meiner Kinder auch verheiratet, lebe und arbeite seit vielen Jahren in Bonn.

2. Dein Motto?

Öfter mal was Neues!! Ich liebe die Herausforderung und die Abwechslung.

3. Welchen beruflichen bzw. projektemäßigen Hintergrund hast du?

Bin Lehrerin für Sonderpädagogik, habe über 10 Jahre an der Förderschule ES (Emotionale und Soziale Entwicklung) gearbeitet, jetzt arbeite ich „inklusionsmäßig“ an einer Realschule und an einem Bonner Gymnasium. Ich bin an Medienarbeit interessiert, habe aber das Gefühl ständig der Zeit hinterher zu hetzen!

Habe in Frauenprojekten mitgewirkt, war politisch auch in Umweltprojekten aktiv, bin in einem Vorleben Diplom-Biologin und habe vor der „Berliner Zeit“ auch mal als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Grünen im Bundestag gearbeitet; habe auch mal in einem Bioladen-Kollektiv und später in einer Bioland-Gärtnerei v.a. im Verkauf gearbeitet…. jetzt bin ich auch noch Musiklehrerin, hätte gerne im Rahmen des Beethovenfestes in Bonn auch ein Projekt gemacht, die Schüler fanden´s leider dann uncool….

4. Wo siehst du deinen gegenwärtigen Erfahrungsschwerpunkt – Auf der Seite der Medien, der Menschen mit Behinderung oder ganz wo anders?

In dem Bereich des Umgangs mit v.a. solchen Menschen mit Behinderung im Bereich der Emotionalen und sozialen Entwicklung. Ich kann mit sehr unterschiedlichen Menschen auskommen, habe Beratungskompetenz durch meinen sehr abwechslungsreichen und nicht gradlinigen Lebensweg, habe jetzt so langsam auch vielfältige Erfahrung im Bereich der schulischen Inklusionsentwicklung in der Sek I v.a. an Realschule und Gymnasium.

5. Welche Visionen hast du in Bezug auf eine inklusive Gesellschaft?

Ich wünsche mir einen selbstverständlicheren Umgang mit Handicaps und Besonderheiten: Dass die Vielfalt, die dabei sichtbar wird, auch als Ressource und als wertvoll gesehen wird. Ich möchte weniger Ausgrenzung und Vorurteile, nicht immer die Frage: “Passt das?”. Sondern: “Wie geht das? Wie kann das passen?”

6. Welchen Beitrag können deiner Meinung nach Medien leisten, Inklusion voranzubringen? Und warum?

Medien machen mehr Blickwinkelveränderung möglich, mehr Schauen über den Tellerrand. Ich schaue mir z. B. gerne auch Dokus an über Beispiele von Inklusiver Schulentwicklung, darüber kann ich lernen, die anderen Schulen kann ich nicht alle besuchen. Auch kann ich mich über ein Medium z. B. auch mit Menschen verständigen, zu denen sonst ein Kontakt schwerer wäre, z. B. wir beide können über Mails „quatschen“, was am Telefon schwieriger wäre….[Anm.: Aufgrund der Hörbehinderung der Fragebogenverfasserin]

7. Wo liegen deiner Meinung nach „die Grenzen der Inklusion“? Können auch Medien eher kontraproduktiv wirken in Bezug auf eine inklusive Gesellschaft? Was siehst du noch kritisch und kontrovers?

Die Grenzen liegen immer noch ganz viel im Kopf: was denke ICH, was geht und was geht nicht… Viele Erfahrungswelten unterschiedlicher Menschen berühren sich noch wenig, die Gesellschaft ist ausgerichtet auf Erfolg, Schönheit, Coolness, da passen dann z. B. Langsame, weniger Schön-Anzusehende, sehr stark motorisch eingeschränkte oder sehr pflegebedürftige Menschen nicht ins Bild. In den Medien werden immer die „Vorzeigebehinderten“ gezeigt, lächelnde glücklich in sich ruhende Menschen mit dem Down-Syndrom oder coole RollstuhlfahrerInnen, die Sport treiben … Wenn es dann aber um Sport selber geht, dann ist schon ein Fußballer, der schwul ist oder depressiv, draußen!

8. Gibt es ein „Schlüsselerlebnis“ in deiner Biographie, das dich dazu motiviert hat, dich mit dem Thema „Inklusion“ auseinanderzusetzen?

Ich habe einmal einen jungen Kerl getroffen, der Down-Syndrom hatte, der wollte Krankenwagenfahrer werden, ich war sehr betroffen. Damals (ich war 20) habe ich gedacht “Der Junge glaubt wirklich, er könne Krankenwagenfahrer werden…” Er war von seinen Eltern durch gute Förderung zuhause und an der Schule so fit, dass er auch wusste, was man da machen muss und er wollte einen sinnvollen Beruf. Aber ich dachte, “wie schrecklich, der Arme, der weiß gar nicht, dass er behindert ist und niemals einen Führerschein machen wird, geschweige denn einen so verantwortungsvollen Job machen kann….” Damals hatte ich noch gar keine fachliche Ahnung und wusste nur, dass Menschen mit geistiger Behinderung womöglich immer bei den Eltern wohnen bleiben und höchstens in einer WfB (= Werkstatt für behinderte Menschen) arbeiten…. Peinlicherweise dachte ich damals, dass es nicht gut ist, wenn sie so fit sind, dass sie selber denken, sie seien “normal”…..Später erst habe ich gemerkt, dass das Gespräch mit ihm für mich wie ein Schlüsselerlebnis war, mich mal mit dem Thema Inklusion mehr zu befassen, ich habe da auch noch nicht gewusst, dass man es dann irgendwann so nennen würde … später habe ich immer mehr über Normalisierung etc. nachgedacht. Da kamen befreundete Frauen aus den USA zurück und forderten, dass wir Frauencamps behindertengerecht ausstatten müssten, damit auch Frauen mit Handicaps teilnehmen können …..(habe mal Frauenwiderstandcamps gegen die Stationierung von Cruise Missiles Raketen im Hunsrück mit organisiert).

9. Was hat dich dazu motiviert, an der Weiterbildung teilzunehmen?

Ich möchte teilhaben an der Medienentwicklung insgesamt, interessiere mich für die Vermittlung von Arbeit mit Medien, würde gerne meine eigenen Medienkompetenzen erweitern, damit ich selbstverständlicher auch noch mehr mediengestützt arbeiten kann

10. Wie erlebst du die Weiterbildung zum jetzigen Zeitpunkt – Inhalte, Leute, Dozenten?

Für mich sehr hilfreich, lehrreich, interessante Mischung von Leuten, ich finde es gut, dass es nicht nur Thema „Schule“ dort gibt, ich genieße den Austausch mit den anderen Professionen, stelle auch daran fest, wie sehr wir in der Schule teilweise hinter dem Mond sind.

11. Hast du bereits eine Projektidee?

JA, ich würde gerne ein Video-Projekt mit der internationalen Klasse an der Realschule machen, das Thema: Meine Wurzel – aber auch – mein Lebensentwurf hier in Deutschland.

12. Wie bewertest du die Umsetzbarkeit?

Mir ist noch ein bißchen mulmig, aber ich möchte mich einfach an das Thema heranwagen, für mich ist ja das „Video“ die Herausforderung, wie kriege ich das zusammen mit der Zielgruppe hin, dass sie ihre Wünsche und Themen unterbringen und ich möchte natürlich ein gutes Ergebnis in einem konstruktiven Prozess….

13. Wenn du keinerlei Begrenzungen hättest (in Bezug auf Geld, Ausstattung, Zeit, Kooperationspartner etc.) – Welches Projekt würdest du gerne umsetzen?

Ich würde noch gerne mehr zum Bereich Film machen, glaube ich, die Schülerinnen und Schüler fanden das sehr attraktiv, als ich mit ihnen erste Sondierungsgespräche geführt habe…
Begegnungen im Film festhalten – würde gerne noch mehr mit Schauspiel machen, das fänden die bestimmt auch klasse, habe mal eine theaterpädagogische Fobi gemacht, das würde ich noch gerne mehr in die Schule wieder zurückkriegen…

14. Gibt es sonst noch etwas, was dir wichtig zu sagen ist?

Ich freu`mich, dass ich auf diese Fortbildung gestoßen bin, durch den Arbeitskreis GU in Bonn, ich kann bestimmt eine Menge in meinen Alltag mitnehmen, was mir eine positive Richtung weist, du hast ja in meinem Text gelesen, das die inklusive Wirklichkeit für mich z. Zt. ganz schön „hart“ sein kann, ich werde kreativ in Bezug auf Medienumgang, das ist für mich neu…!!!

15. Vielen Dank für das Gespräch bzw. die Beantwortung aller Fragen!

Hinterlasse eine Antwort