Weiterbildung Inklusive Medienpädagogik 2014 – Wer macht mit und warum? Teil III: Corinna Wulf, TU Dortmund

Corinna Wulf tanzt Walzer mit kenianischen SchülerinnenCorinna Wulf möchte als wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU Dortmund erreichen, dass die Literaturdidaktik unter Einsatz von Medien deutlich praxisnäher wird und dass das Thema Inklusion endlich auch in die Lehramtsausbildung ankommt. An der Weiterbildung schätzt sie vor allem, dass die Teilnehmenden so unterschiedliche berufliche Hintergründe haben  - durch den Austausch erhalte man so ganz andere Anregungen, als wenn man nur “im eigenen Teich schwimmt”.

1. Wer bist du? (und wenn ja wieviele :-))

Corinna Wulf, 24 Jahre, ledig, lebe momentan (noch) in Dortmund und arbeite auch dort.

2. Dein Motto?

Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag!

3. Welchen beruflichen bzw. projektemäßigen Hintergrund hast du?

Ich selbst habe Lehramt für die Fächer Deutsch, Mathe und Sozialwissenschaften studiert, bin aber nun an der Uni „hängen geblieben“ und dort seit Anfang des Jahres als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur (Schwerpunkt Literatur- und Mediendidaktik) im Rahmen der Lehrerausbildung tätig. Projektmäßig versuche ich gemeinsam mit meiner Doktormutter und unserem Team die Lehrerausbildung im Fach Deutsch praxisorientierter zu gestalten und vor allem den Fokus der Medienbildung stärker zu berücksichtigen. Dazu gibt es bspw. seit einigen Jahren ein Zusatzzertifikat Literaturpädagogik, bei dem die Studierenden sieben theoretische Kurse zu verschiedenen Schwerpunkten (Heterogenität, Leseförderung, Literarische Bildung und Vermittlung, Praxisvorbereitung etc.) belegen müssen. Abschließend sollen sie ein eigenes Lese- und Medienförderprojekt planen und durchführen. Ich bereite die Studierenden z.T. auf diese Projekte vor, bin aber selbst auch an verschiedenen medialen Projekten involviert. Das letzte Projekt war z.B. ein Kooperationsprojekt mit dem Archiv Wuppertal, der Universität und einer Dortmunder Realschule, gefördert vom Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW. Hier wurden mit den Schüler/-innen einer 9. Jahrgangsstufe multimediale Endprodukte zum Gesellschaftskritiker und Revolutionär Friedrich Engels erarbeitet. Entstanden ist u.a. eine PPT, mit einem Stammbaum und intimen Tagebucheinträgen der Familie Engels oder auch eine Art Doku-Film zu wichtigen Orten, die in den Briefen von Johann Caspar Engels (Großvater von Engels) eine Rolle spielten und die es auch heute noch in Wuppertal gibt. Produziert wurde der Film in Deutsch, Englisch, Türkisch und in Gebärdensprache.

4. Wo siehst du deinen gegenwärtigen Erfahrungsschwerpunkt – auf der Seite der Medien, der Menschen mit Behinderung oder ganz wo anders?

Meine Erfahrungen im medialen Bereich sind bereits ganz gut, würde ich sagen. Hier habe ich auch während meines Studiums schon sehr viel Wert drauf gelegt, mich in diesem Bereich weiterzubilden. Z.B. durch das Medienkompetenzzertifikat an der Universität Bielefeld. Meine Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung sind eher gering – mein Vater arbeitet bei der Lebenshilfe, aber allzu viel Kontakt hatte ich deshalb trotzdem noch nicht. In verschiedenen Praktika spielte das Thema Inklusion leider auch eine untergeordnete Rolle. Die Grundschulen haben sich zwar als inklusiv bezeichnet, prinzipiell waren aber viele Lehrkräfte überfordert. Theoretisch spielt das Thema leider auch im Lehramtsstudium eine sehr untergeordnete Rolle – hier muss sich dringend etwas ändern!

Ich persönlich möchte meine Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung erweitern, weshalb ich mich u.a. auch für diese Fortbildung angemeldet habe. Auch nehme ich z.B. an einem Leseförderprojekt für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung teil, welches bei uns an der Universität organisiert wird. Das ist aber noch nicht gelaufen…

5. Welche Visionen hast du in Bezug auf eine inklusive Gesellschaft?

Das Thema Inklusion sollte viel stärker in den Fokus gerückt werden – und zwar in allen Lebensfeldern und -situationen. Dazu muss jedoch ein „Umdenken“ erfolgen, Haltungen müssen sich ändern und man muss gewillt sein, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Dazu muss verstanden werden, dass das Thema Inklusion uns alle betrifft und alle Menschen Teil des gesellschaftlichen Systems sind, eine Ausgrenzung anhand von Vorurteilen Chancen verwehrt und es somit zu Ungerechtigkeiten kommt. Um dies zu gewährleisten, muss es deutlich mehr Angebote, Weiterbildungen usw. geben, die das Thema Inklusion aufgreifen, denn von allein wird es nicht gelingen Inklusion ganzheitlich zu realisieren und Haltungen und Vorurteile in den Köpfen zu beseitigen.

6. Welchen Beitrag können deiner Meinung nach Medien leisten, Inklusion voranzubringen? Und warum?

Der Stand der Technik ist meiner Meinung nach eine echte Bereicherung, um Inklusion zu realisieren. Hier gibt es mittlerweile so viele Möglichkeiten, um Menschen, mit körperlicher oder geistiger Einschränkung zu unterstützen – und das z.T. mit nur einem Gerät! Medien, wenn denn barrierefrei gestaltet, können gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und Menschen näher zusammenrücken – das muss bloß noch von allen erkannt und ganzheitlich umgesetzt werden!

7. Wo liegen deiner Meinung nach „die Grenzen der Inklusion“? Können auch Medien eher kontraproduktiv wirken in Bezug auf eine inklusive Gesellschaft? Was siehst du noch kritisch und kontrovers?

Die Grenzen der Inklusion liegen meiner Meinung nach in den Köpfen der Menschen. Ich denke viele unterscheiden noch sehr stark zwischen „normal“ oder „unnormal“, was oft auch mit Vorurteilen und Hemmschwellen zusammenhängt. Medien können da ganz klar auch beeinflussen, indem diese Vorurteile beispielsweise verstärkt werden. Das fängt schon bei den Formulierungen und Bezeichnungen an, wie wir ja in der Fortbildung gelernt haben ;-) Z.B. „Peter R. ist an den Rollstuhl gefesselt“.

8. Gibt es ein „Schlüsselerlebnis“ in deiner Biografie, das dich dazu motiviert, dich mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen?

Ehrlich gesagt war das ein Erlebnis in der Schule – während eines Praktikums. Hier war ich zum Hospitieren in einer inklusiven 1. Klasse. Ein Mädchen mit einer Lernbehinderung ging in diese Klasse – es wurde aber so extrem ausgeschlossen und abgesondert, dass selbst die Mitschüler/-innen nichts mit ihr zu tun haben wollten. Selbst ein Radiergummi wollte man ihr nicht leihen, weil sie ja „anders“ war. Das Schlimmste war für mich, dass die Lehrerin nichts unternommen hat – nach dem Motto „sie bleibt ja sowieso sitzen, dann ist es auch egal“. Dem Mädchen wurde ein Einzelplatz am Pult zugewiesen und konnte den ganzen Schultag Arbeitsblätter bearbeiten, die deutlich leichter waren als die der Mitschüler/-innen. Differenzierung ist ja gut und schön, allerdings wurde die Schülerin überhaupt nicht ernst genommen und gefördert. Es war eher ein „Abarbeiten“ der Arbeitsblätter, um sie zu beschäftigen.

Das soll also Inklusion sein? – Ich war völlig geschockt!

Na gut, die Lehrkräfte sind ja auch wirklich nicht auf das Thema vorbereitet worden (was m.E. trotzdem keine Entschuldigung für das Verhalten ist!). In der jetzigen Lehrerausbildung spielt das Thema aber leider immer noch keine Rolle. Vor allem fachspezifisch nicht. Hier muss sich unbedingt etwas ändern!

9. Was hat dich dazu motiviert, an der Weiterbildung teilzunehmen?

Ich habe für mich gemerkt, dass ich meinen persönlichen bzw. beruflichen Schwerpunkt um das Thema Inklusion erweitern möchte, weil der Bereich momentan sehr stark bildungspolitisch diskutiert wird und ich mich da auf den neusten Stand bringen möchte – kombiniert mit dem Aspekt der Medienpädagogik hat sich das für mich sehr spannend und interessant angehört! Ich könnte mir auch vorstellen hier als Multiplikatorin innerhalb der Lehrerbildung zu agieren, denn die inklusive Medienpädagogik birgt meiner Meinung nach viele Potenziale, die auch weitere Personen kennen und nutzen sollten!

10. Wie erlebst du die Weiterbildung zum jetzigen Zeitpunkt – Inhalte, Leute, Dozenten?

Eine nette, aufgeschlossene Gruppe – das Interessante ist, dass so viel verschiedenes Professionswissen eingebracht wird, weil jede/r aus einer anderen Berufssparte mit verschiedenen Schwerpunkten kommt. Der Austausch durch die Weiterbildung ist somit wirklich spannend, weil man neue Anregungen erhält, auf die man selbst gar nicht kommt, weil man immer in „seinem Teich schwimmt“. Auch die Anregungen der Dozent/-innen sind hilfreich und interessant.

11. Hast du bereits eine Projektidee?

Ehrlich gesagt nein – ich würde mir gerne noch mehr Anregungen durch die Weiterbildung holen. Meine erste Idee ist etwas auf einer Multiplikatorenebene zu starten, damit es sich bei dem Projekt nicht um ein „Einzelprojekt“ handelt. Wie ich das Ganze angehen soll, muss ich erst noch weiterdenken!

12. Wie bewertest du die Umsetzbarkeit?

Das werde ich dann sehen. ;-)

13. Wenn du keinerlei Begrenzungen hättest (in Bezug auf Geld, Ausstattung, Zeit, Kooperationspartner etc.) – Welches Projekt würdest du gerne umsetzen?

Ich würde ein Modul/Zertifikat o.ä. im Bereich der Inklusion und als Teilaspekt die inklusive Medienpädagogik in die Lehrerausbildung bringen wollen, weil das Thema einfach noch deutlich zu kurz kommt – jedoch SO wichtig ist. Dazu könnte man mit anderen Fakultäten Rehabilitationswissenschaften und anderen Kooperationspartnern zusammenarbeiten – die Studierenden sollten dann auch ein Projekt initiieren, bei dem sie ein (medienpädagogisches) inklusives Projekt planen und durchführen müssen.

14. Gibt es sonst noch etwas, was dir wichtig zu sagen ist?

Ich freue mich auf die nächsten Module und auf mein Projekt, was auch immer es dann sein wird :-)

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