Radiogruppe Adventure – 10 Jahre Bürgerfunk

Kurz geht die Tür auf und schlägt wieder zu. Dann noch einmal. Langsam drückt Jenny mit ihrer einen Hand die Tür auf während sie mit der anderen ihren Rollstuhl vorwärts bewegt. Andere Jugendliche sind schon da, grüßen sie – aber keiner hilft ihr. Will sie auch nicht. Dass hier kann sie alleine, oft genug gemacht. Jenny ist Mitglied der Radiogruppe Adventure. Eine Gruppe Jugendlicher, die Radio machen – würden sie selber sagen. Außenstehende sehen vor allem die drei Rollstuhlfahrer. Aber das spielt hier keine Rolle.
Radiogruppe Adventure auf der gamescom 2011Seit zehn Jahren besteht diese Radiogruppe. In einer Selbsthilfegruppe des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes überlegten Erwachsene und Jugendliche wie man Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen bringen könnte. Eine Möglichkeit war schnell gefunden: Bürgerfunk.

Mit der Etablierung des privaten Rundfunks Anfang der 90er Jahre wurde auch der Bürgerfunk gesetzlich verankert. Hintergrund war in der politischen Diskussion eine Skepsis gegenüber wirtschaftlichen Interessen und demokratischen Anforderungen am journalistischen Angebot bei privaten Sendern.
Die Lösung war der Bürgerfunk. Er sollte allen Menschen ermöglichen, Medien nicht nur zu nutzen, sondern selber zu gestalten. Dadurch sollte zu kommerziellen Angeboten ein Gegengewicht geschaffen werden. Bis 2007 wurden täglich drei Stunden Sendezeit für den Bürgerfunk reserviert. Viele nutzten das Angebot und produzierten eigene Radiosendungen. Oft genug etwas chaotische, nicht immer den journalistischen Regeln folgende Sendungen führten zu Kritik am Bürgerfunk. Vor allem die Betreibergesellschaften des privaten Rundfunks fürchteten um Hörer und Werbeeinahmen. Mit der Novellierung des Landesmediengesetzes wurde der Bürgerfunk geändert. Die Sendezeit wurde auf eine Stunde täglich begrenzt und wer Bürgerfunk machen will, muss einen Qualifizierungskurs absolvieren. Dem Engagement der Bürgerfunkgruppen hat dies in Oberhausen nichts angetan.
So besteht auch die Bürgerfunkgruppe Adventure weiter. Innerhalb von zehn Jahren gab es viele Veränderungen. Manche Mitglieder sind aus Oberhausen weggezogen, manche haben andere berufliche Perspektiven wahrgenommen, einige wenige hatten keine Lust mehr auf Radio. Aber jedes Jahr kommen neue Teilnehmer dazu. Und eines spielt dabei keine Rolle: welche Voraussetzungen jemand mitbringt, außer Spaß am Radio. Die Rollstuhlfahrer sind dabei noch am auffälligsten, ADHS (Aufmerksamkeits Defizit Hyperaktivitäts Störung) etwas weniger, Hörbeeinträchtigte gar nicht.
Hörbeeinträchtigung? Im Hörfunk? – Na klar! Damit eine Sendung produziert werden kann, müssen viele unterschiedliche Aufgaben erledigt werden. Außerdem kann mit Kopfhörern vieles aufgefangen werden.
Die Themen der Sendungen sind so breit wie die Interessen der elf Mitglieder. Verschiedene Selbsthilfegruppen waren schon im Studio, Musiker wurden porträtiert, so etwa die Gitarristin Heike Matthiesen oder Sportler wurden den Hörern vorgestellt. Die aktuelle Sendung befasst sich mit der Arbeit der Schuldnerberatungsstelle in Oberhausen. In Vorbereitung ist eine Sendung über die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar in Oberhausen. Dazu werden einige der Gruppenmitglieder vor Ort Aufnahmen machen und Interviews führen.Radiogruppe Adventure interviewt den stellvertretenden Oberbürgermeister von Saporishja, die ukrainische Partnerstadt Oberhausens

Nach einer längeren Renovierung wurde das Bert-Brecht-Haus, in dem sich das Bürgerfunkstudio befindet, im September letzten Jahres wieder eröffnet. Bei der Eröffnungsfeier war die Radiogruppe Adventure dabei und interviewte nicht nur lokale Politiker wie den Oberbürgermeister der Stadt Oberhausen oder den Kulturdezernenten, sondern auch den stellvertretenden Oberbürgermeister Saporishjas, der ukrainischen Partnerstadt Oberhausens. Bei „Jugend macht Radio“ waren einige genauso dabei, wie bei der gamescom 2011. Und jedes Mal entstehen daraus Radiobeiträge. Im Laufe der Jahre hat die Radiogruppe Adventure nicht nur viele Sendungen produziert, sondern auch einige Preise gewonnen. Denn an Radiowettbewerben nehmen sie natürlich auch teil.

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