LVR-Fachtagung: Inklusive Freizeit zwischen Improvisation und professioneller Assistenz – Ein Gastbeitrag von Thomas Tekster

Thomas Tekster - Rede auf der LVR-FachtagungAm 17. Oktober 2013 hatte der Landschaftsverband Rheinland zu einer Tagung mit dem Titel „Freizeit inklusiv gestalten“ in das LVR-Horion-Haus in Köln eingeladen und gefragt, welchen Beitrag die nicht kommerzielle Umweltbildung, Kunstpädagogik, Medienarbeit und Jugendarbeit „auf dem Weg zu kreativen und partizipativen Freizeit- und Ferienangeboten“ leisten könne. Die Rolle der aktiven Medienarbeit im Rahmen einer inklusiven Freizeitgestaltung wurde bei der Vorstellung des Projekts „NIMM!“ deutlich.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung waren sich einig, dass Inklusion zuallererst selbst umgesetzt werden müsse und nicht darauf gewartet werden dürfe, dass andere Einrichtungen den ersten Schritt machen. Die Referierenden des Brücke-Krücke e.V. haben in ihrer Präsentation denn auch eindrucksvoll bewiesen, dass es für sie keine Barrieren gibt. Auf ihren Reisen durch halb Europa nehmen sie stets alle mit, sei es auf den schiefen Turm von Pisa, die Kuppel des Petersdoms oder einen Kirchturm in Kopenhagen. Sie haben die Gehbehinderten ihrer Gruppe einfach hoch getragen. Die Belohnung dafür ist ein Gemeinschaftserlebnis, dass die Gruppe mittlerweile seit Jahrzehnten quer durch alle Generationen zusammenhält.

Obwohl Engagement und Improvisationskunst wichtig sind, wurde auch deutlich, dass die Organisation von inklusiven Freizeitangeboten oft auch an organisatorische und finanzielle Grenzen stößt, etwa wenn Schüler aus Förder- und Regelschulen keinen Termin für eine gemeinsame Veranstaltung finden können oder ein Angebot für Gehörlose nicht stattfinden kann, weil kein Geld für einen Gebärdendolmetscher da ist. Improvisation endet dort, wo ein individueller Assistenzbedarf zwingend notwendig ist. Der Assistenzbedarf wurde auf der Tagung durchaus kritisch diskutiert. Einerseits führe es zu einer Entmündigung, weil die Assistenz als ständiger Schatten eines Menschen mit Handicap erscheine und dieser als autonome Persönlichkeit kaum noch wahrgenommen werde. Andererseits sei individuelle Assistenz notwendig, wenn es um die Gesundheit der Menschen mit Handicap gehe und ständige Hilfe vonnöten ist. Assistenz könne aber auch ein Zugewinn an Autonomie für Menschen mit Handicap bedeuten. Der Grat zwischen Improvisation und professioneller Assistenz ist schmal und von individuellen Voraussetzungen abhängig. Letztlich sei es auch eine Frage des Respekts, Menschen mit Assistenzbedarf entsprechend zu unterstützen, ihnen Wahlmöglichkeiten und Unterstützung nach Bedarf anzubieten oder die Finanzierung eines Gebärdendolmetschers zu stemmen.

Teilnehmer der LVR-FachtagungInsgesamt waren sich alle einig, dass der Begriff “Inklusion” überstrapaziert werde und überdies auf ein bestehendes Defizit hinweise. Demgegenüber sei es wünschenswert, dass der Begriff irgendwann obsolet werde und Freizeitangebote einfach für alle da sind. Thomas Göttker vom Jugendhaus Sürth machte darauf aufmerksam, dass es ein Problem sei, Jugendliche ohne Handicap in das Jugendhaus zu bekommen, weil viele Jugendliche einfach kein Interesse oder Angst vor Gleichaltrigen mit Handicap haben. Mit dem Thema Inklusion könne man sie nicht locken, das gehe nur über attraktive inhaltliche Angebote. Und hier setzt die inklusive Jugendmedienarbeit an, die über den gemeinsamen Spaß an Medien und ähnliche inhaltliche Interessen die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Jugendliche mit und ohne Behinderung mitbringen, vergessen lässt.

Computertechnologien machen dies möglich. Sie lassen Handicaps in den Hintergrund treten, so dass sich die Aufmerksamkeit darauf richten kann, was Menschen tun und sagen und nicht darauf, was sie einschränkt. Inklusion geht daher alle an, weil die meisten Menschen im Alltag mit Einschränkungen zu kämpfen haben. Wer ist nicht schon einmal an komplizierten Bedienungsanleitungen, unübersichtlichen AGBs oder unverständlichen Parteiprogrammen gescheitert? Leichte Sprache ist für alle sinnvoll, weil sie zwingt, sich auf das Wesentliche zu beschränken und die Inhalte klar zu benennen.

LVR-Fachtagung

Und überhaupt, die Sprache. Zurecht machte Ingo Bosse auf die Bedeutung der Sprache aufmerksam und erläuterte, wie sehr die Wahl der Worte auf Einschränkungen im Denken hinweise, wenn etwa die Rede sei von „Normalen“ und „Behinderten“ oder „Menschen mit Behinderung“. Sprache sei hier schon ziemlich grenzwertig und gaukle eine Eindeutigkeit vor, die es in der Wirklichkeit einfach nicht gebe. Ein Auflachen ging durch das Publikum, als die Rede kam auf „Menschen mit unterschiedlichen Nichtbehinderungen“.

Moderiert wurde die Tagung von Amina Johannsen und Dr. Annette Standop.

Der LVR plant, die Fachtagung umfassend zu dokumentieren. Hier geht es zum Veranstaltungsprogramm.

2 Kommentare zu “LVR-Fachtagung: Inklusive Freizeit zwischen Improvisation und professioneller Assistenz – Ein Gastbeitrag von Thomas Tekster”

  1. Janine sagt:

    Hallo,

    ich studiere an der LMU Lehramt für die Förderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und schreibe meine Seminararbeit über inklusive Freizeit.
    Nun wollte ich mal fragen, ob die Dokumentation der Fachtagung denn schon fertig ist und wenn ja wo diese zu finden ist?
    Liebe Grüße Janine Jeske

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