Hörbehinderung, Kommunikation, Inklusion 2025 – So soll‘s sein, so soll‘s werden!

Autobahnschild mit Beschriftung "Zukunft 1000 Meter"

Quelle: NordNordWest/Wikipedia

Die Aktion Mensch wird 50 Jahre und ruft anlässlich dessen zur Blogparade auf, um Ideen einzusammeln wie das Rad in Sachen Inklusion sich bis 2025 weitergedreht hat. Bei der Themenwahl ist man frei, kann sich aber auch an den Themen des Zukunftskongresses der Aktion Mensch am 2. und 3. Dezember orientieren: Arbeitsleben und Unternehmensentwicklung, Bildungschancen und Lebensweggestaltung, Gesellschaftliche Entwicklung und soziale Verantwortung, Selbstbestimmtes Leben in sozialen Räumen und Beziehungen, Technologieentwicklung und digitale Kommunikation, Technische Innovationen in den Lebenswissenschaften. Zu gewinnen gibt es bei einer Teilnahme bis zum 24.11. eine Freikarte zum Zukunftskongress (solange der Vorrat reicht!).

Bildung und Arbeit, Leben und Beziehung(en) sind Themen, die bei Menschen mit Hörbehinderung geradezu Hand in Hand gehen mit Technologieentwicklung, technischen Innovationen und digitaler Kommunikation. Dabei geht es den wenigsten um „Reparierbarkeit“ und „Normalisierung“ (zumindest solange nicht, wie das Cochlea Implantant mit einer OP am „gesunden“ Menschen, gesundheitlichen Risiken, großem Zeitinvestment und nicht prognostizierbaren Ergebnissen verbunden ist), sondern darum, dass eine Kommunikationskultur geschaffen wird, in der Informationen für ALLE zugänglich sind und verschiedene Kommunikationskanäle voll akzeptiert und auch bedient werden.

Ich gestehe: Ich bin froh um die „Gnade der späten Geburt“. Als ertaubender Teenager in der Provinz Anfang der 90er fernab von Internet und Co. malte ich mir meine Zukunft trotz Gymnasialbesuch reichlich düster in Richtung Besenbinden aus. Denn so sehr ich auch darüber nachdachte, fiel mir in meinem 13jährigen Weltschmerz sonst kein weiterer Beruf ein, bei dem man NICHT telefonieren musste. Als mir wiederum 10 Jahre später im Studium ein Hörsturz das letzte bisschen Ohr jenseits der Bassschwelle raubte, nahm ich das bereits ungleich entspannter hin, denn immerhin gab es jetzt SMS und E-Mail!

Noch mal 10 Jahre später freue ich mich vor allem darüber, dass schriftliche Online-Kommunikation über eine Vielzahl von Tools mittlerweile für viele nicht nur im Privat-, sondern auch im Berufsleben ziemlich selbstverständlich geworden ist. Denn nur, weil ein nicht unbedeutender Teil der Gesellschaft schriftliche Kommunikation offensichtlich auch ganz angenehm findet und davon regen Gebrauch macht (was bei der „Erfindung“ der SMS so zunächst gar nicht erwartet wurde!), ist kommunikative Teilhabe für Hörbehinderte zu einem gewissen Teil möglich geworden. Gar nicht davon zu reden, wie viele Dinge des Alltags mittlerweile online möglich geworden sind, für die man früher zum Hörer greifen oder selbst vorstellig werden musste – Online-Banking, Reisebuchung und Kinokartenreservierung. All diese scheinbar banale Dingen ermöglichen, den Alltag selbständig zu regeln und damit: Selbstbestimmung.

Auch die Tatsache, dass mittlerweile ein Großteil der Filmproduktionen mit Untertiteln erscheinen und zumindest auch in Programmkinos mit solchen geschaut werden können, erfreut und ermöglicht gemeinsame Kinoabende mit Freunden. Der Streamingdienst Netflix ist Vorreiter bei Bereitstellung von Untertiteln über das Internet. Auch in einigen wenigen Theatern der Hauptstadt (hervorzuheben ist hier das Gorki-Theater, manchmal auch die Schaubühne) lassen sich Theaterstücke mit Obertiteln schauen – dies allerdings in Englisch. Zielgruppe sind hier natürlich Touristen, aber auch „wir“ freuen uns – und fragen uns, warum dieses Angebot nicht verbreiteter ist? Gerade in der Hauptstadt mit seiner Vielzahl internationaler Touristen dürfte dies doch einigen Zulauf bringen.

Aber Schrift ist nicht alles und es bleibt noch viel zu tun!

…in 2025 werden auch jederzeit Telefongespräche mit jedem problemlos möglich sein – mit Hilfe von Schriftdolmetschern, die das, was der Gesprächspartner sagt, via Spracherkennung in schriftlichen Text auf das Smartphone ausgeben. Unglaublicher Aufwand? Zukunftsmusik? Wer soll das bezahlen? In den USA ist dies bereits seit einiger Zeit problemlos möglich – nachzulesen in diesem interessanten Blogbeitrag.

…in 2025 wird auch das gesamte Fernsehprogramm untertitelt sein – auch hier geht die USA bereits heute vorbildlich voran und auch die britische BBC untertitelt bereits seit 2008 zu 100%. Untertitel werden ganz einfach auch eine Notwendigkeit sein, schließlich hat Deutschland mittlerweile erkannt, ein Einwanderungsland zu sein und unterstützt mit einem untertitelten Fernsehprogramm auch Menschen anderer Sprache.

…in 2025 werden Spracherkennungssysteme so ausgereift sein, dass sie mittlerweile in Alltagssituationen relativ gut funktionieren, um das, was der Gesprächspartner sagt, in Schriftsprache zu übersetzen. Ausgerüstet mit Smartphone und Tablett sind die „Live-Untertitel“ also immer mit dabei.

…in 2025 werden Schriftdolmetscher, die hörbehinderte Menschen in Schule, Studium, Ausbildung, Beruf, vor Gericht und beim Arzt unterstützen, jedoch noch längst nicht arbeitslos sein, denn in komplexeren Kommunikationssituationen ist ihr Service weiterhin unverzichtbar.

… im Gegenteil: In 2025 wird es noch viel mehr Schriftdolmetscher geben und geben müssen, denn endlich haben Hörbehinderte darauf einen Anspruch in allen Lebenslagen und müssen ihre „Bedarfe“ nicht mehr umständlich, langwierig, aufwändig – und daher leider abschreckend – bei Kostenträgern beantragen, sondern können diesen Service bequem per App bestellen.

… in 2025 werden Hörbehinderte ganz selbstverständlich und selbstbewusst aus einer Vielzahl von Services und Angeboten wählen können, um zu kommunizieren und zu interagieren, dies gilt natürlich auch für Gehörlose, die bevorzugt in ihrer Muttersprache, der Gebärdensprache, kommunizieren. Videotelefonie hat sich für diese Zielgruppe als Quantensprung erwiesen, Gebärdendolmetschung auf das Smartphone in jeder Kommunikationssituation kann genauso selbstverständlich in Anspruch genommen werden wie Schriftdolmetschung. Auch die Avatarforschung hat mittlerweile große Fortschritte gemacht und es ist mittlerweile weitaus besser geworden, digitale Texte durch Gebärdenavatare wiederzugeben, für alle diejenigen, die die Kommunikation in Gebärdensprache gegenüber der Schrift bevorzugen.

…In 2025 wird es trotzdem noch genug zu tun geben, wie immer, wenn eine Minderheit um Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft ringt. Gleichberechtigung in allen Lebenslagen wird erst dann erreicht sein, wenn Hörbehinderte auch in „informelle“ Kommunikation einbezogen werden – was die Kollegen in der Kaffeepause klönen, kann essenziell sein für den nächsten Karriereschritt. Auch Humor, Smalltalk, Ironie – all dieser „Schmierstoff“ in sozialen Beziehungen ist für Hörbehinderte nicht immer leicht zu „verstehen“. Einbezug ist hier nicht so leicht zu haben, da mit Anstrengung verbunden. So bleibt auch über 2025 hinaus genug zu tun. Happy Birthday, Aktion Mensch!

Fotoquelle: NordNordWest/Wikipedia

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