Gewonnen! Das Netzwerk Inklusion mit Medien gewinnt den Dieter-Baacke-Preis 2015 in der Kategorie „Projekte mit besonderem Netzwerkcharakter“

Bei der Preisverleihung des Dieter-Baacke-PreisesDer Anruf kam schon vor ein paar Wochen: NIMM! hat den Dieter-Baacke-Preis Preis 2015 gewonnen (Kategorie „Projekte mit besonderem Netzwerkcharakter“)! Unsere Freude ist groß und auch wenn wir noch nichts verraten durften, haben wir intern bereits ein bisschen gefeiert. Das Projekt läuft mittlerweile in der dritten Runde und wurde immer wieder an die Bedarfe vor Ort angepasst. Nun wurde unsere Arbeit ausgezeichnet. Wir fühlen uns bestätigt und motiviert.

And the winner is…

Preisträger des Dieter-Baacke-Preises 2015

21. November 2015, Preisverleihung im KOMED in Köln, im Rahmen des 32. GMK-Forums Kommunikationskultur. Susanne Böhmig, Leiterin von barrierefrei kommunizieren! (tjfbg gGmbH) ist aus Berlin angereist, um gemeinsam mit Dr. Christine Ketzer, Geschäftsführerin der LAG LM, den Preis stellvertretend für alle Beteiligten und Netzwerkpartner entgegen zu nehmen. Wir sind die letzten, die auf die Bühne gerufen werden und warten gespannt: Das Engagement und die Kreativität der anderen Preisträger ist immer wieder beeindruckend. Dann sind wir dran und freuen uns über die Laudatio von Dr. Eva Bürgermeister, Leiterin des KJF – Kinder- und Jugendfilmzentrum:

Dr. Eva Bürgermeister

“NIMM! überzeugt mit verschiedenen Bausteinen, die allesamt dazu dienen, konsequent inklusive Medienarbeit auszubauen….[D]as Projekt [vernetzt] auf herausragende Weise Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und regt auch bundesweit die Förderung von Medienkompetenz im Kontext der Inklusion an….NIMM! ist ein kompaktes Netzwerk ohne Grenzen für eine ganz zentrale gesellschaftspolitische Herausforderung. Mit Beharrlichkeit und Kompetenz wurde [...] bereits seit dem Jahr 2008 an dem Thema „Medien und Inklusion“ gearbeitet. Nun wird die erfolgreiche Arbeit [...] bereits in einem dritten Durchlauf als Netzwerk gefördert. Dies verdient allergrößte Anerkennung und hier und heute nach Überzeugung der Jury den Dieter-Baacke-Preis in der Kategorie „Projekte mit besonderem Netzwerkcharakter“.”
 

Laudatio Dieter Baacke Preis 2015: NIMM! – Netzwerk Inklusion mit Medien

Alle Preisträger des Dieter-Baacke-Preis 2015

 

Was war, was ist, was wird – Fragen an Dr. Christine Ketzer und Susanne Böhmig

Dr. Christine Ketzer und Susanne BöhmigWelches sind die Besonderheiten des Projekts Netzwerk Inklusion mit Medien?

Wir haben mit dem Projekt in gewissem Sinne auch Pionierarbeit geleistet und viele verschiedene Projekte, Methoden und Informationen unter dem neuen Begriff „Inklusive Medienarbeit“ gebündelt. Für unsere berufsbegleitende Weiterbildung „Inklusive Medienpädagogik“ gab es kein Vorbild, sie war ein echter Pilot, für die wir das Konzept und die Inhalte entwickelt haben. Wir haben Akteure vernetzt, sichtbarer und stärker gemacht. Ziel unseres Projekts war und ist, Berührungsängste gegenüber dem Thema abzubauen; Wissen und Informationen dazu vermitteln, wie inklusiv mit Medien gearbeitet werden kann und Fachkräfte zu befähigen, Projekte durchzuführen, die offen sind für alle.

Welche Vorkenntnisse hatten die Teilnehmenden? Was haben sie im Projekt gelernt?

Wir möchten mit unseren Angeboten ausdrücklich Fachkräfte verschiedener Bereiche erreichen, da wir der Meinung sind, dass man inklusiven Settings nur interdisziplinär und im Team gerecht wird. Die Vorkenntnisse waren daher sehr unterschiedlich: So gibt es z. B. diejenigen, die aus der klassischen Medienpädagogik kommen und die projektemäßig und medientechnisch sehr versiert sind. Sie haben jedoch oft keine Erfahrungen mit Heranwachsenden mit Behinderung und sind unsicher. Diese Kolleginnen und Kollegen haben aber oft bereits Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Gruppen und „inklusiven“ Methoden (z. B. Methodenvielfalt etc.) ohne dass ihnen dieses so bewusst ist. Hier kann man gut Anknüpfungspunkte für inklusive Projekte aufzuzeigen. Diejenigen, die aus der Jugendarbeit oder der Förderpädagogik kommen, möchten oft gerne inklusive Medienprojekte gestalten, weil Medien attraktiv sind für ihre Zielgruppen. Diesen Teilnehmenden kommt entgegen, dass Medien immer leichter bedienbar sind und man nicht unbedingt Medienprofi sein muss, um Medienprojekte durchzuführen. Zum Beispiel lassen sich Videoprojekte statt mit teurer Kameraausrüstung mittlerweile auch mit Tablets und Apps realisieren.

Das Projekt ist sehr ganzheitlich angelegt. Die Teilnehmenden erfuhren zum Beispiel, welche Potenziale digitale Medien Menschen mit Behinderung bieten und welche Medien sie nutzen. Sie lernten technische Hilfsmittel kennen und welche Programme bei einer Behinderung hilfreich sein können. Sie erfuhren, wie man Medien barrierefrei gestalten kann, z. B. wie man Untertitel und Audiodeskriptionen für Filme erstellt. Und sie haben gelernt, wie man Medienprojekte so gestalten kann, dass sie für Teilnehmende mit unterschiedlichen Voraussetzungen zugänglich sind. Zum Beispiel, wie man Teilnehmenden mit Lernschwierigkeiten bildbasiert und nur mit praktischen Übungen vermittelt, wie bloggen funktioniert. Welcher Personalschlüssel sich empfiehlt, wenn Teilnehmende mit sozial-emotionalem Förderbedarf in einem Projekt sind. Wie man Projekte für Heranwachsende mit Autismus plant.

Was hat besonders viel Spaß gemacht, welche Themen waren spannend?

Der Austausch und die Zusammenarbeit mit vielen inspirierenden Persönlichkeiten sind sehr bereichernd. Es entstanden tolle Projekte. Wenn man die Dokumentationen oder die Gastbeiträge auf dem Blog liest und sich die Präsentationen auf Fachtagen etc. anschaut, sieht man, wie kreativ, bunt und vielfältig das Thema ist. Es ist toll zu sehen, dass immer mehr Leute in dem Bereich aktiv sind, dass das Netzwerk immer größer wird. Dass man sich gegenseitig bereichert und das Thema jetzt einfach „da“ ist. Und dass wir dazu einen Beitrag leisten konnten.

Viele unserer Teilnehmenden interessierten sich sehr stark dafür, welche Bedürfnisse Menschen mit Behinderungen in Medienprojekten haben. Dies aus „erster Hand“ zu erfahren, war spannend: Wer erlebt hat, wie versiert eine blinde Dozentin mit dem Screenreader präsentiert, ist beeindruckt und versteht, wie sehbehinderte Menschen Medien nutzen! Spannend war auch, wenn pädagogische Fachkräfte, die z. B. mit Menschen mit Autismus oder mit Heranwachsenden mit emotional-sozialem Förderbedarf arbeiten, aus der Praxis berichtet haben.

Inklusive Medienprojekte mit Smartphones und Tablets durchzuführen ist ganz klar ein Megatrend: Man kann damit Medienprojekte einfacher und kostengünstiger durchführen. Medientechnik muss oft nicht mehr angeschafft werden, da Geräte schon vorhanden sind. Der Umgang mit der Technik und den Apps für die Medienbearbeitung ist leicht zu lernen. Die technische Entwicklung insgesamt, also dass die Geräte immer günstiger, einfacher zu bedienen und anzupassen sind an unterschiedliche Bedürfnisse, ohne dass teure „Spezialtechnologien“ angeschafft werden müssen, ist eine Riesenchance für Inklusion! In der Weiterbildung ging es auch darum, zielgruppenangepasste Konzepte zu entwickeln, auch kritische Fragen wurden dabei thematisiert, z. B. (wie) können Heranwachsende mit Lernschwierigkeiten, die vielleicht nicht gut lesen und schreiben können, lernen mit Social Media Tools umzugehen, ohne dass sich daraus datenschutz- und urheberrechtliche Probleme ergeben?

Gab es Probleme, wie wurden sie bewältigt?

Herausfordernd waren die vielen Akteure und (Themen-) Bereiche, die koordiniert und abgedeckt werden mussten. Zeitgleich führten wir z. B. im ersten Projektjahr die Weiterbildung durch; wir gründeten ein Netzwerk von Kompetenzzentren für Inklusive Medienarbeit, in denen Regionale Workshops durchgeführt wurden; wir etablierten den Blog inklusive-medienarbeit.de als Plattform für die Publikation inklusiver Medienprojekte und wir organisierten einen Fachtag. Hier spürten wir zeitweise deutlich, dass wir am Maximum des Machbaren und Organisierbaren angelangt waren.

Trotz zahlreicher Anfragen und großem Interesse war es gar nicht so leicht, die Weiterbildungsteilnehmenden für ein Jahr verbindlich zur regelmäßigen Teilnahme zu verpflichten. Dies hatte verschiedene Ursachen. Eine der wichtigsten ist, dass unsere Zielgruppe beruflich oft sehr eingespannt ist und wenig Zeit für längere Weiterbildungen hat. Außerdem muss der Sinn für die unmittelbare Arbeit sofort einsehbar sein. Darauf haben wir reagiert, indem wir die Weiterbildung in kompakterer Form und mit noch mehr Praxisbezug angeboten haben. Außerdem haben wir z. B. einen Coach eingeführt, der die Teilnehmenden bei der Durchführung ihrer inklusiven Medienprojekte unterstützt hat. Wir haben weitere Qualifizierungsbausteine wie die Regionalen Workshops eingeführt, damit auch diejenigen erreicht werden, die nur in ein bestimmtes Thema einsteigen möchten und nicht so viel Zeit haben.

Welche Voraussetzungen müssen für inklusive Medienprojekte gegeben sein?

Mittlerweile lassen sich inklusive Medienprojekte mit relativ geringen technischen Ressourcen umsetzen, z. B. lassen sich Film- und Foto-Projekte mit Smartphones und Tablets mit guter Kamera durchführen. Für die Film- und Fotobearbeitung gibt es Apps, die günstig oder kostenfrei sind und deren Anwendung leicht zu lernen sind. Wichtig ist zu wissen, wie Menschen mit Behinderung Medientechnik nutzen (können), dazu muss man nicht unbedingt Experte sein, grundlegendes Wissen über digitale Barrierefreiheit und unterstützende Technologien ist aber hilfreich. Zum Beispiel, dass PDF-Dokumente für Blinde nicht gut zugänglich sind, wie man Videos mit Audiodeskription und Untertitel versieht und welche Hilfen für Menschen mit Behinderung in (mobile) Betriebssysteme bereits vorinstalliert sind. Wenn man das nicht weiß, kann man unsere Inklusions-Scouts fragen!

Damit inklusive (Medien-) Projektarbeit gelingen kann, bedarf es unserer Meinung nach noch viel stärker des interdisziplinären Austauschs und der Zusammenarbeit. Niemand kann alles wissen, niemand kann alles können und niemand kann alles alleine. Man muss also wissen, wo und bei wem man sich Unterstützung für die eigene inklusive Projektarbeit holen kann. Es bedarf eines Netzwerks von Expertinnen und Experten, die sich unkompliziert mit Rat und Hilfe beiseite stehen.

Welche Veränderungen, Chancen und Perspektiven ergeben sich durch Inklusive Medienarbeit?

Das Thema Inklusion mit Medien wird immer stärker und präsenter, dies wird auch in Zukunft nicht abflauen: Die Frage, wie Inklusion in Bildung, Freizeit, Arbeit umgesetzt wird, ist noch lange nicht zu Ende diskutiert und wird mit dem aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Deutschland vor dem Hintergrund steigender Flüchtlingszahlen noch präsenter werden. Inklusive Medienarbeit ist da unserer Einschätzung nach gut aufgestellt: Inklusive Projekte sind solche, die offen sind für alle und die versuchen, die Bedingungen so zu gestalten, dass alle mitmachen können. Eine Projektleitung, die weiß, wie sie ein Projekt durchführt, so dass auch diejenigen teilnehmen können, die z. B. nicht gut (deutsch) lesen und schreiben können, die Wissen sehr praxisorientiert und auf verschiedenen Niveaus vermitteln kann, so dass sich keiner langweilt, ist gut vorbereitet auf aktuelle Herausforderungen.

Wir möchten, dass noch mehr Menschen die Ergebnisse von inklusiv durchgeführten Jugendmedienprojekten wahrnehmen können. Daher haben wir in NIMM3.0 die Jugendplattform Dein Nimm! aufgebaut, hier können die Ergebnisse inklusiver Jugendmedienprojekte – zum Beispiel Filme – unkompliziert veröffentlicht werden. Besonders wichtig: Die multimedialen Produkte werden nicht nur inklusiv „hergestellt“, sondern sind auch für alle wahrnehmbar. Das heißt z. B., dass Filme mit Untertiteln und Audiodeskription versehen werden. Hier sehen wir noch sehr viel „Luft nach oben“!

Inklusion wird in der medienpädagogischen Projektarbeit eine immer größere Rolle spielen, auch, weil Inklusion immer mehr im Regelschulsystem „ankommt“. Die medienpädagogische Projektarbeit hat gegenüber dem System „Schule“ Vorteile: sie ist offen, freiwillig, folgt keinem Lehrplan. Sie hat auch Nachteile, z. B. kann Offenheit in mangelnde Verbindlichkeit umschlagen und insgesamt sind weniger Ressourcen vorhanden. Ganz klar: Inklusion braucht Ressourcen! Viele Dinge, die nötig sind, um alle mitzunehmen, erfordern Zeit, Leute, Geld. Ohne wird Inklusion eine Mogelpackung bleiben. Wir haben aber das Gefühl, dass vieles angestoßen wurde, vieles schon passiert ist und noch viel mehr werden wird – wenn alle dranbleiben und die angestoßenen Entwicklungen weiter vorantreiben. Momentan sind wir dabei, ein Nachfolgeprojekt zu beantragen mit vielen neuen tollen Netzwerk-Aktionen.

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