Digital dabei! 2.0 – Junge Geflüchtete partizipieren durch aktive Medienarbeit . Von Birgitt Nehring

Syrisches Mädchen mit aufgeklebten Pappaugen auf ihren AugenVom 17. bis 21.07.2017 führten das barrierefrei-kommunizieren!-Team in Bonn die Medienprojektwoche für junge Geflüchtete von 2016 weiter. Die Werbetrommel wurde wieder gut gerührt und wie auch im letzten Jahr kamen die Anmeldungen nur durch die Unterstützung vom Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Bonn, den Ökumenischen Arbeitskreis Endenich – Asyl und Zuflucht sowie der Lehrer der Schulen und Familienpaten zustande.

Nach der Vorstellungsrunde ging es gleich um das Thema der Woche: “Ich erzähle eine Geschichte mit Comic Life, Word und PowerPoint“. Bei der Vorstellung zeigte sich, dass im Vergleich zum letzten Jahr die Sprachhürden nicht mehr so gravierend sind. Die Teilnehmenden sind im Alter von 8 bis 16 Jahren. Acht Jugendliche sind aus Syrien, einer aus Afghanistan. Alle  sind zwischen zwei und einem Jahr in Deutschland. Sie besuchen Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen in Bonn. Zu Hause gibt es oft keine Möglichkeit mit einem PC zu arbeiten, die PC-Erfahrung ist daher bei allen sehr gering. Ein Geschwisterpaar, das bereits 2016 dabei war, nimmt auch 2017 wieder an der Medienwoche teil. Ihre sprachlichen Fähigkeiten haben sich in dieser Zeit verbessert und sie freuen sich, noch mehr zu lernen.

Zettel mit Kuli beschrieben: "Lerne wie man mit Word arbeitet"

 

 

 

 

 

 

 

Ziel dieser Medienwoche ist, die Inhalte im Vergleich zur Projektwoche 2016 weiter auszubauen: Die Jugendlichen sollen nicht mehr nur mit Kamera und ComicLife kreativ mit Medien arbeiten, sondern auch Basiswissen zu den für die Schule wichtigen Programmen Word und PowerPoint erwerben. Wer diese Programme nicht beherrscht, ist in der Schule sehr benachteiligt bei der Erstellung von Hausaufgaben und Präsentationen und damit natürlich auf seinen weiteren (Aus-) Bildungsweg. Bei der Vorstellung der Lerninhalte bestätigen auch die Jugendlichen, dass sie mit Word und PowerPoint noch gar keine Erfahrung haben.

Formatierungsbeispiele im Programm WordSomit starteten wir am Montag mit dem Programm Word. Fachbegriffe wie Formatieren und Markieren werden spielerisch in kleinen Reimen gelernt (z. B. „Erst markieren, dann agieren“). Durch kleine, einfache Sätze („Ich bin grün, ich bin fett, ich bin kursiv…“) steigen wir in die Zeichenformatierung ein und auch die Absatzformatierung fällt nicht schwer. Dienstagvormittag nahmen wir Grafiken und ClipArts hinzu und gestalteten kleine Gutscheine oder Einladungen in Word. Die neuen Inhalte wurden schnell gelernt und umgesetzt. Schwierige Wörter und gewünschte Texte schreiben wir in Druckbuchstaben vor, so können auch immer wieder die Deutschkenntnisse verbessert werden. Das Schreiben von Texten fällt allen noch sehr schwer, hier ist viel Unterstützung erforderlich. Alle sind jedoch mit ihren Arbeiten zufrieden und für jeden gibt es einen Ausdruck, damit sie „schwarz auf weiß“ ihre Gutscheine mitnehmen können.

ClipArt-Bild mit Vögeln

Nachmittags ging es mit neuen Lerninhalten zum Bildbearbeitungsprogramm Picasa weiter. Nach einer kleinen Einführung werden importierte Tierbilder zugeschnitten und retuschiert. Es zeigt sich, dass die Jugendlichen viel Spaß beim Retuschieren haben. Ein Esel mit vier Ohren ist ja auch mal was Besonderes … und so macht Retuschieren natürlich noch viel mehr Spaß! Mit den Tierbildern werden kleine Fotocollagen erstellt.

Collage mit AugenfotosMittwoch stand ganz im Zeichen der Kamera- und Bildbearbeitung. Erst wieder Theorie und Begriffe wie Perspektive, Einstellungen und dann auf an die praktische Arbeit: Nun geht es mit der Kamera nach draußen, es wird eifrig mit geschultem Blick fotografiert. Ausgeschnittene runde Augen werden auf alles geklebt wie die Rückseite der T-Shirts, Brillen, Haare oder Papiercontainer, Bäume, Schilder usw. Anschließend wurden die Bilder in Picasa übertragen und mit viel Spaß sehr kreative Collagen erstellt. Am Donnerstag wurde der letzte neue Lerninhalt vermittelt – das Präsentationsprogramm PowerPoint. Keiner der Jugendliche kannte das Programm und das Interesse war sehr groß. Auch hier war natürlich die Hürde der Sprachbarriere zu überwinden. Wir erstellten gemeinsam mit Beamer eine Präsentation über die Woche: Was haben wir gelernt? So konnte der Text von der „Tafel“ abgeschrieben werden – und oft hörte man die Bemerkung „ach, so schreibt man das“. Anschließend las jeder zur Übung seinen Text noch einmal laut vor und konnte dabei die Aussprache üben und verbessern. Der „Feinschliff“ erfolgte mit dem Formatieren mit Designs und animierten Bildern.

Schnell verging die Woche, schon war es Freitag, alles wurde bis zum Ende um 14 Uhr noch einmal wiederholt: Ein Gutschein in Word erstellt, eine Fotocollage produziert und eine Präsentation über die verbleibenden Ferienwochen erstellt: Was möchte ich in meinen Ferien noch machen? Alle neuen Lerninhalte werden sehr gut selbständig umgesetzt, nur beim Schreiben der Wörter müssen wir immer wieder helfen. Zum Abschluss nimmt jeder ein eigenes Produkt als Erinnerung an eine spannende und intensive Woche mit. Feedbackbögen in leichter Sprache wurden ausgefüllt: Die Resonanz auf die Woche war sechsmal sehr gut und einmal befriedigend. Besonders war, das wir zu Beginn der Woche verabredet haben, dass wir immer Deutsch reden … auch in den Spielpausen. Das wurde von allen sehr gut eingehalten, somit gab es auch in den Pausen noch einen Lernzuwachs.

Screenshot eines Teilnehmenden FeedbacksUnser Fazit dieser Medienwoche: Es war wichtig, die Inhalte auf das Office-Paket zu erweitern. Die Jugendlichen haben viel Medienwissen erworben und somit ihre Chance zur Teilhabe und Integration im Schulleben wesentlich verbessert. Die Stimmung, die Gruppendynamik und auch die Begeisterung für das Lernen neuer Programme waren sehr gut. „Danke, dass wir hier so viel lernen konnten“, so das Geschwisterpaar zum Abschied.

Das Projekt wurde von barrierefrei kommunizieren! in Bonn in Kooperation mit der Landesarbeitgemeinschaft Lokale Medienarbeit NRW e.V. durchgeführt. Es wird gefördert vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.

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