Die Macht der Stimme

Schon in der Antike wusste man um die Bedeutung der Rhetorik. Und einer der bedeutendsten griechischen Redner, Demosthenes, hatte auch gleich zwei Handicaps: seine Stimme war schwach und er stotterte. Der Überlieferung nach, half er sich mit Kieselsteinen auf der Zunge und langen Reden gegen das Brausen des Meeres. An der Bedeutung der Stimme hat sich seitdem nichts geändert, an den Hilfsmöglichkeiten schon einiges. Ein Radioprojekt ist keine logopädische Therapie, aber ein Sprech- und Stimmtraining ist es auf jeden Fall.

Jeder hat so seine Sprechprobleme

Dabei sind es nicht immer die sofort auffälligen Störungen wie Stottern. Jeder hat kleinere oder größere Schwächen. Lispeln, Nuscheln, verschlucken von Silben, falsche Artikulation oder Betonung – es gibt viele Fallstricke. Sprech- und Stimmtraining und Übungen gehören zu jeder journalistischen Ausbildung im Hörfunk, auch im Bürgerfunk. Und sie muss regelmäßig aufgefrischt werden. Denn schlechte Angewohnheiten in der Aussprache schleichen sich schnell ein. Der Augenblick des Hörens am Radio ist schließlich sehr kurz, so dass der Text deutlich und verständlich gesprochen werden muss.

Eine gute und abwechslungsreiche Betonung der Texte ist nicht nur angenehmer zu hören, sondern bindet im besten Fall auch den Hörer an die Sendung. Das richtige Stimmvolumen ist auch entscheidend. Für ein angenehmes Hören ist ebenfalls die Klangfarbe ein Kriterium. Hierfür gibt es allerdings nur sehr begrenzt Trainingsmöglichkeiten. Die Aussage einer Hollywood-Diva, ihre rauchige Stimme verdanke sie reichlich Whisky und Zigaretten, gehört ins Reich der Anekdoten. Hier sind technische Hilfsmittel im Studio nicht nur gesünder, sondern auch effektiver.

Das erste, was beim Sprech- und Stimmtraining gelehrt wird, ist atmen. Nur wer richtig atmet, kann auch richtig sprechen. Die Gesichtsmuskulatur muss trainiert und gelockert werden, es gibt spezielle Lippen- und Zungenübungen und zum Schluss kommen dann noch Sprechübungen. Und all das sieht ehrlich gesagt reichlich lächerlich aus. Oft ein Problem, gerade in der Gruppenarbeit. Erst wenn die Erfolge dieser Übungen hörbar werden – und das geht schnell – steigt die Akzeptanz.

Das Sprech- und Stimmtraining zeigt aber auch Grenzen auf. So gehört zum richtigen Atmen, dass man steht oder zumindest aufrecht sitzt. Das ist ein Grund, warum Rollstuhlfahrer beim Moderieren schnell kurzatmig werden. Aber es gibt auch andere Handicaps, die eben einfach hörbar sind. Hier ist jetzt die Definition von Inklusion entscheidend. Wenn jeder Mensch das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe hat, egal welche Voraussetzungen er mitbringt, dann ist eben eine Behinderung auch „hörbar“. Solange das Gesagte noch verständlich ist, ist das Medium Radio nutzbar.

Die Studiotechnik hilft

Die technischen Hilfsmittel im Tonstudio sind eine weitere Möglichkeit, „Mängel“ in der Stimme auszubügeln. Das fängt beim Mikrofon an. Es gibt dynamische Mikrofone, Kondensatormikrofone, Mikrofone mit Klein- oder Großmembran – und jedes zeichnet eine Stimme anders auf, gibt Volumen und Klangfarbe anders wieder. Das eine richtige Mikrofon gibt es nicht. Es kommt auf die Studioumgebung an und auf die natürliche Stimme des Sprechers. Hier hilft nur ausprobieren.

Weiter geht es mit dem Mischpult. Erst einmal muss jede Stimme ausgepegelt werden. Dafür gibt es im Studio den Pegelmesser. Wie am heimischen Rekorder zeigt eine Lichterkette – im Studio noch zusätzlich eine Skala – ob die Stimme im grünen Bereich oder im roten Bereich ist. Der Ausschlag sollte bis nahe zum roten Bereich gehen, dann ist die Stärke der Stimme ausreichend.

Jetzt können am Mischpult die einzelnen Frequenzbereiche verändert werden. Bei einer zu hohen Stimme können zum Beispiel die höheren Frequenzen etwas schwächer eingestellt werden. Wenn das nicht reicht, dann kommt das Effekt-Gerät zum Einsatz. Hier können verschiedene Klangräume eingestellt werden. Ob Kathedrale oder Jazz-Bar – es gibt viele Effekte, die auch noch in der Stärke differenziert eingestellt werden können. Schließlich kommt noch das Schnittprogramm hinzu. Egal welches Programm verwendet wird, hier bieten sich weitere Möglichkeiten Stimmen zu bearbeiten.

Wo hier die Grenze ist, muss jeder für sich entscheiden. Sicher gäbe es ohne die technischen Hilfsmittel so manche Sängerkarriere nicht. Aber darum geht es auch nicht. Wichtig ist: Radioprojekte sind auch für Menschen geeignet, die mit Sprechen und Stimme ihre Probleme haben.

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