Barrierefreiheit bei Facebook, Twitter, Instagram und Google+. Von Markus Lemcke

Private und berufliche Kontakte knüpfen und pflegen, Infos erhalten und verbreiten – Soziale Netzwerke sind für viele Menschen unverzichtbar in Alltag und Beruf. Doch können auch alle mitmachen? In diesem Artikel untersucht Markus Lemcke, Experte für barrierefreie IT, Facebook, Twitter, Instagram und Google+ auf Bedienbarkeit für Menschen mit Behinderungen.

Was ist Barrierefreiheit in der Informatik?

Barrierefreiheit bzw. Accessibility in der Informatik bedeutet, dass Webseiten, Programme und Betriebssysteme so gestaltet sind, dass sie auch von Menschen mit Behinderung bedient werden können. Webseiten, Programme und Betriebssysteme dürfen keine Hindernisse bzw. Barrieren bei der Bedienung für Menschen mit Behinderungen haben. Webseiten müssen so gestaltet werden, dass sie von allen, auch Nutzerinnen und Nutzern mit Behinderung, bedient werden können.

Wie groß ist die Zielgruppe für barrierefreies Webdesign?

Laut Webseite des statistischen Bundesamts gibt es in Deutschland 10 Millionen Menschen mit Behinderung. Menschen im fortgeschrittenen Alter können ebenso Einschränkungen bekommen. Zum Beispiel dass sie kleine Schrift nur schlecht oder gar nicht lesen können und deswegen eine Lesebrille benötigen. Es gibt in Deutschland 17 Millionen Senioren.

BITV 2.0 und WCAG 2.0 – Richtlinien für barrierefreies Webdesign

Um eine Webseite auf Barrierefreiheit zu überprüfen, kann man sich an der BITV 2.0 (Barrierefreie Informationstechnikverordnung) orientieren. Dieses Gesetz schreibt vor, dass Webangebote von Behörden des Bundes barrierefrei sein müssen. Die BITV 2.0 basiert auf der internationalen Richtlinie WCAG 2.0 (Web Accessibility Guidelines 2.0). Für diesen Artikel verwende ich die BITV 2.0, die 50 Prüfschritte beinhaltet, um eine Seite auf Barrierefreiheit zu prüfen.

Wie arbeiten blinde und sehbehinderte Menschen am Computer

Weil es für das Verstehen des Artikels sehr wichtig ist, erkläre ich zunächst, wie blinde und sehbehinderte Menschen den Computer bedienen. Blinde Menschen können keine Computermaus bedienen bzw. sich auf grafischen Benutzeroberflächen orientieren. Um den Mauszeiger gezielt an eine bestimmte Stelle zu bewegen, ist es zwingend notwendig, dass der Computernutzer sehen kann. Das ist der Grund, warum blinde Menschen den ganzen Computer mit der Tastatur bedienen. Blinde Menschen nutzen einen sogenannten Screenreader, eine Bildschirmlese-Software. Sie gibt den Bildschirminhalt Zeile für Zeile wieder: Entweder akustisch oder taktil. Dann wird der Bildschirminhalt auf einer Braillezeile dargestellt: Buchstaben und Zeichen werden als Braille-Punkte dargestellt, die mit den Fingern ertastet werden können.

Was jeder Social-Media-Nutzer selbst zur Barrierefreiheit beitragen kann

In sozialen Netzwerken werden nicht nur Kommentare gepostet, sondern auch jede Menge Bilder. Für Blinde und Sehbehinderte ist es daher entscheidend, dass soziale Netzwerk es ermöglichen, für Bilder sogenannte Alternativtexte zu hinterlegen. Das sind Bildbeschreibungen, die nur für die Screenreader-Nutzer hör- bzw. fühlbar sind. Die sozialen Netzwerke müssen also eine Option anbieten, diese Alternativtexte einzufügen – die Nutzerinnen und Nutzer müssen diesen Text jedoch auch verfassen und auf diese Weise ihren Beitrag zur Barrierefreiheit leisten. Dabei müssen keine ellenlangen Beschreibungen verfasst werden, sondern kurz und knapp die Hauptinformation des Bildes beschrieben werden. Facebook probiert dabei einen “Mittelweg”, in dem es über automatische Bilderkennung automatisch eine – jedoch meist sehr rudimentäre – Bildbeschreibung hinzufügt. Diese automatische Bildbeschreibung kann jedoch vom Nutzer selbst noch geändert werden.

Barrierefreiheit bei Social Media – Welche Kriterien werden geprüft?

Bei diesem Test prüfe ich Social Media-Plattformen nach folgenden Kriterien:

  • Screenreadertauglichkeit
  • Tastaturbedienbarkeit: Jedes Element einer Webseite muss auch über die Tabulator-Taste erreichbar sein, damit blinde Menschen sie bedienen können.
  • Aktuelle Position des Fokus gut sichtbar: Bei Bedienung der Webseite mit einer Tabulator-Taste, muss sichtbar sein, bei welchem Bedienelement man sich gerade befindet.
  • Texte zoomen: Ist das Netzwerk auch bei einer Textvergrößerung nutzbar?
  • Bedienbarkeit für Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit
  • Korrekte Syntax: Das bedeutet, dass die Webseite nach aktuellen Standards programmiert sein muss. Damit ist gewährleistet, dass die Webseite auch mit assistiven Technologien wie Screenreader und Braillezeile gut bedient werden kann.

Den Test auf Screenreadertauglichkeit mache ich mit dem kostenfreien Screenreader NVDA. Den Test für Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit mache ich mit der kostenfreien Software Colour Contrast Analyser. Ob eine Webseite nach aktuellen Standards programmiert wurde, lässt sich mit einem Werkzeug wie dem W3C-Validator überprüfen.

Wie barrierefrei ist Facebook?

  • Screenreadertauglichkeit: Facebook ist beim Test mit NVDA zu 100% screenreadertauglich
  • Alternativtexte eingeben für Bilder: Bei Facebook kann beim Einfügen des Bildes eine Beschreibung des Bildes hinterlegen links vom einzufügenden Bild.
  • Tastaturbedienbarkeit: Durch mehrmaliges Drücken der Tabulatortaste ist jedes Bedienelement erreichbar.
  • Aktuelle Position des Fokus gut sichtbar. Die aktuelle Position des Fokus ist nicht immer sichtbar. Das bedeutet, dass Facebook für Menschen mit Sehbehinderung schwer oder gar nicht zu bedienen ist.
  • Texte zoomen: Wenn im Browser Internet-Explorer der Zoom auf 200% eingestellt wird, ist Facebook nach wie vor bedienbar. Für Menschen mit einer Sehbehinderung ist das eine wichtige Voraussetzung.
  • Bedienbarkeit für Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit: Der Farbkontrast der Symbole “Freundschaftsanfragen”, “Nachrichten” und “Schnellhilfe” ist nicht barrierefrei.
  • Korrekte Syntax: Eine saubere HTML-Syntax vereinfacht Browsern oder Screenreadern den Umgang mit der Seite. Beim Test von Facebook mit dem W3C-Validator werden 19 Fehler festgestellt.

Wie barrierefrei ist Twitter?

  • Screenreadertauglichkeit: Twitter ist beim NVDA-Test 100% screenreadertauglich.
  • Alternativtexte eingeben für Bilder: Bei Twitter kann beim Einfügen des Bildes eine Beschreibung unterhalb des Bildes hinterlegt werden.
  • Tastaturbedienbarkeit: Durch mehrmaliges Drücken der Tabulatortaste ist jedes Bedienelement erreichbar.
  • Aktuelle Position des Fokus gut sichtbar: Die aktuelle Position des Fokus ist nicht immer sichtbar. Das bedeutet, dass Twitter für Menschen mit Sehbehinderung schwer oder gar nicht zu bedienen ist.
  • Texte zoomen: Wenn im Browser Internet-Explorer der Zoom auf 200% eingestellt wird, ist Twitter nach wie vor bedienbar. Für Menschen mit einer Sehbehinderung ist das eine wichtige Voraussetzung.
  • Bedienbarkeit für Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit: Die Schrift mit Cyan Blau und der weiße Hintergrund sind nicht barrierefrei. Ich persönlich als Mensch mit Farbfehlsichtigkeit habe keine Probleme die Schrift zu lesen. Es kann aber Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit geben, die Probleme haben.
  • Korrekter Syntax: Eine saubere HTML-Syntax vereinfacht Browsern oder Screenreadern den Umgang mit der Seite. Beim Test von Twitter mit dem W3C-Validator wurden 24 Fehler festgestellt.

Wie barrierefrei ist Instagram?

  • Screenreadertauglichkeit: Instagram ist beim Test mit NVDA zu 100 % screenreadertauglich.
  • Alternativtexte eingeben für Bilder: Bei Instagram können nur auf dem Mobilgerät Bilder eingefügt werden. Ein Beschreibungstext kann mit den Buchstaben Aa hinzugefügt werden.
  • Tastaturbedienbarkeit: Durch mehrmaliges Drücken der Tabulatortaste ist jedes Bedienelement erreichbar.
  • Aktuelle Position des Fokus gut sichtbar: Die aktuelle Position des Fokus ist nicht sichtbar. Das bedeutet, dass Instagram für Menschen mit Sehbehinderung gar nicht zu bedienen ist.
  • Texte zoomen: Wenn im Browser Internet-Explorer der Zoom auf 200% eingestellt wird, ist Instagram nach wie vor bedienbar. Für Menschen mit einer Sehbehinderung ist das eine wichtige Voraussetzung.
  • Bedienbarkeit für Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit: Die helle Schrift und der weiße Hintergrund sind nicht barrierefrei. Ich persönlich als Mensch mit Farbfehlsichtigkeit habe keine Probleme die Schrift zu lesen. Es kann aber Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit geben, die Probleme haben.
  • Korrekte Syntax: Eine saubere HTML-Syntax vereinfacht Browsern oder Screenreadern den Umgang mit der Seite. Instagram hat beim Test mit dem W3C-Validator 0 Fehler festgestellt. Sehr gut!

Wie barrierefrei ist Google Plus?

  • Screenreadertauglichkeit: Beim Test mit NVDA ist Instagram ist zu 100% screenreadertauglich.
  • Tastaturbedienbarkeit: Durch mehrmaliges Drücken der Tabulatortaste ist jedes Bedienelement erreichbar.
  • Aktuelle Position des Fokus gut sichtbar: Die aktuelle Position des Fokus ist sehr schlecht sichtbar. Das bedeutet, dass Google Plus für Menschen mit Sehbehinderung nur sehr schwierig zu bedienen ist.
  • Texte zoomen: Wenn im Browser Internet-Explorer der Zoom auf 200% eingestellt wird, ist Google Plus nach wie vor bedienbar. Für Menschen mit einer Sehbehinderung ist das eine wichtige Voraussetzung.
  • Bedienbarkeit für Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit: An mehreren Stellen ist der Farbkontrast für Menschen mit einer Farbfehlsichtigkeit zu wenig. Zum Beispiel in der Navigationsleiste auf der linken Seite das Wort “Einstellungen”. Google Plus ist für Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit nur eingeschränkt nutzbar.
  • Korrekte Syntax: Eine saubere HTML-Syntax vereinfacht Browsern oder Screenreadern den Umgang mit der Seite. Beim Test von Google Plus mit dem W3C-Validator werden über 100 Fehler festgestellt. Furchtbar!

Grundsätzlich sind alle sozialen Netzwerke etwa gleich gut barrierefrei. Leider hat mein persönliches Lieblingsnetzwerk Google Plus am schlechtesten abgeschnitten. Da Google kein Interesse hat, Verbesserungsvorschläge von deutschen Menschen mit Behinderungen anzunehmen, werden sie das Schlusslicht bleiben.

 Weitere Infos

Zum Autor

Markus Lemcke
Webseite: www.marlem-software.de
Linkbeschriftung: Facebook, Twitter, Instagram und Google+

 

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