Barrierefreiheit bei Apple und Android – Ein Vergleich von Markus Lemcke

Der Artikel vergleicht die Betriebssysteme Android und iOS in punkto Bedienbarkeit für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Android ist ein Betriebssystem, das Google für mobile Geräte mit Touch-Bedienung entwickelt hat. Für den Test nehme ich Android 5. Apple ist ein amerikanisches Unternehmen mit Sitz in Cupertino, das Computer, Smartphones und Unterhaltungselektronik sowie Betriebssysteme und Anwendungssoftware entwickelt und vertreibt. Das Betriebssystem von Apple für iPhones und iPads heißt iOS. Für den Test nehme ich iOS 8.4 Ein Betriebssystem ist dann barrierefrei, wenn es für Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Einschränkungen bzw. Behinderungen uneingeschränkt bedienbar ist.

Vor dem direkten Vergleich zwischen iOS und Android ein paar allgemeine Überlegungen: In Deutschland gibt es keine gesetzliche Verpflichtung, dass Betriebssysteme für Menschen mit Behinderung barrierefrei sein müssen. Trotzdem haben fast alle Betriebssysteme (Windows für Mobiltelefone noch nicht!) Einstellungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen. Woher kommt das? Die Hersteller von Betriebssystemen haben alle ihren Sitz in Amerika. Dort herrscht eine strenge Gesetzgebung, wenn es darum geht, Benachteiligung von bestimmten Personengruppen zu vermeiden. In Amerika kann eine einzelne Person gegen ein Riesenunternehmen vor Gericht ziehen und gewinnen, wenn es um Benachteiligung geht. Ein anderer Grund ist, dass die Zahl der Behinderten in Amerika wesentlich höher ist als in Deutschland. Deswegen ist auch der Druck auf Hersteller größer, Mobiltelefone barrierefrei zu entwickeln.

Noch ein Wort zum Vergleich: Wie können zwei Betriebssysteme in Sachen Barrierefreiheit überhaupt verglichen werden? Zum einen kann man die Anzahl der Anpassungsmöglichkeiten an bestimmte Bedarfe vergleichen. Zum anderen kann überprüft werden, ob das Betriebssystem an alle Behinderungsarten “gedacht” hat. Ebenfalls ist es wichtig zu überprüfen, ob die Bedienungshilfen für Menschen mit Behinderung auch funktionieren! Dies kann ich selbstverständlich nicht voll abdecken, da es für mich nicht vollständig möglich ist, mich als “Sehender” in die Situation eines Blinden zu versetzen. Da ich aber persönliche Kontakte zu blinden Menschen habe und Blogs von Blinden kenne, weiß ich, mit welchem Betriebssystem blinde Menschen lieber arbeiten.

Android versus iOS

Zunächst mal ein Überblick der Einstellungsmöglichkeiten:

Android:

  • TalkBack
  • Schriftgröße
  • Anpassen der Farben
  • Umgekehrte Farben
  • Gesten zum Vergrößern
  • S Voice
  • Audio-Balance
  • Flash-Benachrichtigung
  • Klang anpassen
  • Mono Audio
  • Alle Töne ausschalten
  • Vibrationsmuster erstellen
  • Assistentenmenü
  • Verzögerung für längeres Berühren
  • Easy Touch-Modus
  • Interaktionssteuerung
  • Anrufe annehmen/beenden
  • Kurzbefehle anzeigen
  • Barrierefreiheit auf mehreren Geräten verwalten

iOS

  • VoiceOver
  • Unterstützung für Braillezeilen
  • Zoomen
  • Invertierte Farben und Graustufen
  • Sprechen der Auswahl
  • Sprechen des Bildschirminhalts
  • Auto-Text vorlesen
  • Große Textzeichen, fette Textzeichen und Textzeichen mit höherer Kontrastwirkung
  • Tastenformen
  • Reduzierte Bewegung von Bildschirmobjekten
  • Beschriftungen für Ein/Aus-Schalter
  • Zuweisbare Töne
  • Videobeschreibungen
  • Hörgeräte
  • Mono-Audio und Balance
  • Untertitel und erweiterte Untertitel
  • Siri
  • Tastaturen im Querformat
  • Geführter Zugriff
  • Schaltersteuerung
  • Klicktempo / Klick-Geschwindigkeit

Die Zahl der Einstellungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen sind fast gleich!

Smartphones und Tablets für Blinde

Bedienungshilfen iOSAls erstes möchte ich mich damit beschäftigen, wie blinde Menschen Android bzw. iOS bedienen können. Blinde nutzen Smartphones, mit Hilfe eines sogenannten Screenreaders, der akustisches und haptisches Feedback gibt für die Steuerung von Smartphones und das Erfassen von Bildschirminhalten. Da ich selber nicht blind bin, muss ich mich auf die Erfahrungen, Erzählungen und Blogartikel von blinden Menschen verlassen. Selbstverständlich habe ich aber die Funktionen die ich hier beschreibe auch selber getestet! Die meisten Blinden favorisieren noch immer Apple und nicht Android: TalkBack,der Screenreader von Android ist noch immer nicht so ausgereift, wie VoiceOver, der Screenreader von Apple.

Bei Android benötigen Blinde eine gute “Berührungssensibilität”: Wenn beim Scrollen mit zwei Fingern zu viel Druck auf das Display ausgeübt wird, funktioniert es nicht! Das Scrollen bei VoiceOver funktioniert, in dem man mit drei Fingern gleichzeitig über den Bildschirm streicht. Für mich als Spastiker ist dies anstrengender als bei Android! Blind sein und eine Spastik haben, wäre also bei iOS eine große Herausforderung.

Laut Aussage von Marco Zehe, der selbst blind ist, funktionieren der umfassende Zugriff auf eBooks, das zuverlässige Erstellen und Verwalten von Bildern und Videos, die Kartennavigation und Fußgängerunterstützung sowie die vernünftige Eingabe von Umlauten bei Android schlechter als bei iOS. Außerdem fehlen bei Android doch sehr häufig Beschriftungen für Buttons in der Benutzeroberfläche, so dass sie nicht vorgelesen werden können und damit für Blinde unbrauchbar sind.

Einstellungsmöglichkeiten für Sehbehinderte

Die Schriftgröße verändern oder Bereiche größer Zoomen ist wichtig für Menschen mit einer Sehbehinderung und geht sowohl bei Android als auch bei iOS. Auch die Farbkontraste können in beiden Systemen angepasst werden, was wichtig für Menschen mit Farbfehlsichkeiten ist.

Vorlesefunktion: Wenn die Lesefähigkeit eingeschränkt ist

Bei iOS gibt es die Möglichkeit “Auswahl sprechen” und “Bildschirminhalt sprechen”. Dies sind Funktionen, mit denen Text vorgelesen werden kann. Dies funktioniert auch bei Webseiten-Texten. Diese Funktion gefällt mir sehr gut und ist eine große Hilfe für Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer – mit dem Lesen Probleme haben. Diese Hilfe fehlt bei Android leider völlig.

Untertitel anzeigen bei Videos

Es gibt Videos. die einen Untertitel haben. Diese Untertitel können, wenn die entsprechende Einstellung aktiviert ist, bei Android und IOS angezeigt werden. Dies ist zwar eine nützliche Hilfe für hörgeschädigte Menschen, das Problem ist jedoch, dass die meisten Videos eben keine brauchbaren Untertitel haben. Hier sind die Video-Ersteller gefordert, zumal das Hinzufügen von Untertiteln z. B. bei YouTube oder Vimeo kein Hexenwerk ist.

Siri versus S Voice

Bedienungshilfen AndroidDie große Stärke von iOS ist Siri: Dank Siri können Sie mit Ihrem iPad bzw. iPhone sprechen, um Nachrichten zu senden, Verabredungen zu treffen, Anrufe zu tätigen, Termine abzufragen, Systemeinstellungen zu aktivieren und vieles mehr. Siri versteht, was Sie sagen und meinen. Deshalb ist es auch nicht notwendig, für die Sprachsteuerung spezielle Befehle und Schlagwörter zu erlernen. Siri ist für Menschen, die aufgrund einer Behinderung Probleme haben ihr iPad bzw. iPhone mit der Hand zu bedienen, eine tolle Sache. Das komplette Telefon bzw. iPad kann mit Hilfe von Siri nur per Sprache bedient werden. Bei Android gibt es keine echte Alternative zu Siri. Es gibt Apps, wie S Voice, Jeannie oder Alice zum Herunterladen im Google Play Store. S Voice ist beim Samsung Galaxy S5 Mini auch vorinstalliert, jedoch ist S Voice lange nicht so ausgereift wie Siri, z. B. lassen sich keine Systemeinstellungen aktivieren etc..

Mono Audio vs Mono-Audio und Balance

Bei Android kann Folgendes eingestellt werden: Die Funktion bewirkt, dass bei angeschlossenem Headset die Tonausgabe von Stereo auf Mono umgeschaltet wird. Bei der Monoausgabe wird Stereoton in einem Signal kombiniert, das über sämtliche Headset-Lautsprecher wiedergegeben wird. Diese Einstellung ist sinnvoll, wenn Sie nicht gut hören oder ein einzelner Ohrstöpsel bequemer ist. Bei Apple/iOS kann Folgendes eingestellt werden: Die Funktion „Mono-Audio“ fasst den Ton aus dem linken und rechten Kanal zu einem einzelnen Monosignal zusammen, das über beide Kanäle ausgegeben wird. Auf diese Weise können Sie den Ton mit einem Ohr oder mit beiden Ohren hören, wobei ein Kanal lauter eingestellt ist.

Klicktempo / Klick-Geschwindigkeit / Verzögerung bei Tippen und Halten

In den Bedienungshilfen bei iOS gibt es in der Kategorie “Interaktion” das Menü “Klick-Geschwindigkeit” oder “Klicktempo”. Hier kann die Klickgeschwindigkeit geändert werden. Bei Android heißt dieses Menü “Verzögerung bei Tippen und Halten” und hat die gleiche Auswirkung.

Schlussbemerkung:

Hier möchte ich meinen Vergleich beenden. Android 5 und iOS 8 haben für Menschen mit Behinderungen beide viele tolle Einstellungsmöglichkeiten und Bedienungshilfen zu bieten. Dennoch gibt es bei beiden Betriebssystemen Verbesserungsbedarf. Für mich ist iOS von Apple das ausgereiftere System. Die Bedienung für Blinde ist bei Apple deutlich besser, Vorlesefunktionen fehlen bei Android ganz und Siri ist das absolute Highlight in Sachen Bedienungshilfen. Ob sich ein Mensch mit Behinderung ein Android oder Apple-Gerät kauft, ist trotzdem eine persönliche Entscheidung, für manch einem ist Android vielleicht doch das geeignetere System. Für Blinde, die noch eine eingeschränkte Hand haben, ist das Scrollen im VoiceOver-Modus schwieriger als bei Android, weil bei iOS drei Finger benötigt werden um zu scrollen. Ein wichtiger Faktor sind ebenso die Anschaffungskosten. Hier hat Apple ein dickes Minus, weil es sehr teuer ist. Ich persönlich bin trotzdem, seit ich mein Ipad habe, in Sachen Barrierefreiheit Appe-Fan!

Infos zum Autor

Markus Lemcke
www.marlem-software.de

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