Apps für Menschen mit Behinderung – Markus Lemcke testet Apps für iOS und Android

Logo von Marlem SoftwareDas Smartphone mit seinen vielfältigen Funktionen und Werkzeugen für Kommunikation und Organisation ist für die meisten Menschen aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Noch mehr gilt dies für Menschen mit Behinderungen, denn etliches was das Smartphone kann, kann helfen, fehlende oder eingeschränkte Funktionen des Menschen, zum Beispiel der Motorik, auszugleichen. Markus Lemcke entwickelt barrierefreie IT-Lösungen und bloggt über barrierefreie Programmierung und technische Hilfen für Menschen mit Behinderung. Für diesen Beitrag hat er einige hilfreiche iOS- und Android-Apps für Menschen mit Körperbehinderung getestet:

Spracheingabe

Mit Spracheingabe können Sprachkommandos gegeben werden, die vom Tablet ausgeführt werden. Menschen die aufgrund einer Behinderung oder Krankheit so eingeschränkt sind, dass sie mit ihren Händen nur schwer Smartphone und Tablets bedienen können, sind auf Spracheingabe angewiesen. Für iOS gibt es bereits DIE Lösung: Siri. Mit Siri kann man mit dem iPhone bzw. iPad sprechen und Nachrichten senden, Verabredungen treffen, Anrufe tätigen, Apps starten, Systemeinstellungen verändern und vieles mehr. Siri versteht, was man sagt und meint, es ist nicht notwendig, spezielle Befehle und Schlagwörter zu erlernen. Um Siri zu starten, hält man die Home-Taste gedrückt, bis man das akustische Signal von Siri hört, dann sprechen. Wenn das iPad mit einer Stromquelle verbunden ist (oder bereits eine Unterhaltung mit Siri läuft), kann Siri auch ohne Drücken der Home-Taste verwendet werden: Einfach „Hey Siri“ sagen und und die Anfrage formulieren. Diese Option kann auch in den Einstellungen aktiviert bzw. deaktiviert werden: „Einstellungen“ > „Allgemein“ > „Siri“ > „Hey Siri“ erlauben“. Folgende Kommandos habe ich erfolgreich auf meinem iPad getestet: Wo ist die nächste Pizzeria? Wie weit ist es von mir nach Gomaringen? Wie komme ich am schnellsten nach Gomaringen? Wie lange ist es noch bis Heilig Abend? Was für ein Tag ist Heilig Abend? Wie wird das Wetter morgen? Wie spät ist es in New York? Suche nach Barriefreiheit Android. Öffne Bedienungshilfen. Öffne Gmail. Siri ist das absolute Highlight der Bedienungshilfen bei iOS für behinderte Menschen mit stark eingeschränkten Händen, da es ermöglicht, das komplette iPhone bzw. iPad per Sprache zu bedienen. Die Zeitersparnis ist gigantisch. Auch die Spracherkennung ist hervorragend: Trotz meines sprachlichen Handicaps, das viele Menschen mit einer spastischen Lähmung betrifft, versteht Siri 99% von dem, was ich sage!

Für Android habe folgende Apps getestet:

  • Svoice
  • AIVC
  • Sprachsuche von Google

Die Bedienung ist bei Svoice und AIVC gleich. Nach dem Start der App erscheint ein Mikrofon. Einfach mit dem Finger auf das Mikrofon tippen und Kommando sprechen. Bei der Sprachsuche von Google wird man per Text zum Sprechen aufgefordert. Es gibt auch ein Mikrofon zum Antippen. Mein Test sah folgendermaßen aus: Ich habe die Sätze welche Siri erfolgreich beantwortet hat, mit oben genannten Apps getestet. Die Sprachsuche von Google hat am besten abgeschnitten, danach AIVC und Svoice war am schlechtesten. Mit Google Now gibt es jetzt auch eine Siri vergleichbare integrierte Sprachsteuerung, die ich in diesem Beitrag getestet habe. Alle Android-Apps haben aber gegenüber jedoch Siri einen Nachteil: Ein Android-Smartphone oder Tablet komplett per Sprache bedienen geht gar nicht. Das Aufrufen der Eingabehilfe hat bei keiner der Android-Apps funktioniert.

Texte diktieren per App

Menschen mit stark eingeschränkten Händen können nur sehr langsam schreiben oder gar nicht. Für diese Personengruppe sind Apps zum Texte diktieren per Sprache eine sehr große Hilfe.Die Android-App, die ich vorstellen möchte, heißt „Google Notizen“, die die Google Spracherkennung nutzt, die z. B. auch über die Google Tastatur zur Verfügung steht. Nach dem Starten der App findet man unten ein Mikrofon. Nach einem Tipp mit dem Finger erscheint in der Mitte der App ein Mikrofon. Nach dem Ton sprechen, nach einer kurzen Sprechpause erscheint der gesprochene Text. Praktisch ist, dass verschiedene Texte gespeichert werden können und im Nachhinein auch als Sprachnachricht abgerufen werden können. Natürlich können diktierte Texte noch bearbeitet werden. Die Spracherkennung funktioniert sehr gut, auch wenn man keine perfekte Aussprache hat.

Die getestete App für iOS heißt Dragon Dictation. Nach dem Starten der App erscheint in der Mitte des Displays der Text „Tippen und diktieren“ und darunter ein Kreis. Dann sprechen, dabei können auch mehrere Sätze hintereinander diktiert werden. Nach dem Diktieren nochmals auf das Display tippen: Nun erscheint der Text „In Arbeit …“. Danach erscheint der diktierte Text in einem Textfeld. Es können im diktierten Text im nachhinein noch Änderungen vorgenommen werden. Die Spracherkennung ist in meinem Fall sehr gut. Per Sprache Texte diktieren, geht wesentlich schneller als Texte von Hand schreiben. Ich war mit der Spracherkennung von beiden Apps sehr zufrieden.

Mit links fotografieren

Durch meine Spastik ist meine rechte Hand stark eingeschränkt. Daher kann ich zum Beispiel mit einem Fotoapparat nicht fotografieren, weil ich den Auslöser auf der linken Seite benötige. Das bedeutet: ich konnte jahrelang nicht fotografieren. Für mein Android Smartphone habe ich einen App gefunden, in der ich zwischen mehreren Möglichkeiten wählen kann, wie ich das Foto auslösen möchte. Hierbei gibt es mehrere Möglichkeiten, wie ich das auslösen eines Fotos mit der linken Hand erledigen kann.  Zunächst sei erwähnt, dass es natürlich nicht zwingend notwendig ist, sich eine Spezial-App zu zulegen, die mitgelieferte Kamera-App funktioniert auch, indem man das Smartphone einfach dreht – dann ist der Auslöser auf der linken Seite. Für mehr Komfort empfehle ich Camera Zoom FX-App. In der (kostenpflichtigen) Premium-Version hat die App tolle Einstellungsmöglichkeiten. Für Menschen mit Behinderungen sind z B. die benutzerdefinierten Tasten sehr interessant. Hier kann eingestellt werden, das die Fotoaufnahme zum Beispiel durch Wischen nach rechts oder links ausgelöst wird. Im Aufnahmemodus kann auch eingestellt werden, die Fotoaufnahme per Sprache auszulösen! Bei dieser Einstellung auf den Lautsprecher tippen. Danach wird runtergezählt von 5 bis 0. Dann irgendein Wort sprechen und die App schießt ein Foto – einfach genial!

Weitere Apps für Behinderte im Tests gibt hier.

 

 

 

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